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René Gerber von ProCinema.© ZVG

«Kinos wurde mitgeteilt, sie seien nicht Kultur»

Die Kinobranche steckt in der Sackgasse. René Gerber, Generalsekretär des Schweizer Dachverbands für Kino und Filmverleih, ProCinema, sagt im Interview, warum kantonale Regelungen für die Kinos keinen Sinn machen.

 

René Gerber, sind Sie besorgt?
Ja, um die Kinobranche bin ich sehr besorgt! Etwa 42 Prozent der Kinos sind zurzeit aufgrund behördlicher Anweisungen geschlossen: Die ganze Westschweiz und der Kanton Bern.

Was bedeutet das für die Branche?
Nun, ich will jetzt nicht gegen die Gastronomiebranche schiessen, aber hier ein Vergleich: Kinobetreiber können nicht einfach wie ein Wirt beim Metzger ein Schnitzel holen, dieses in die Pfanne hauen und dann kommen die Gäste. Die Kinobranche ist viel komplexer, sie ist vernetzt und stark vom Ausland abhängig. Deshalb sind wir überhaupt nicht damit zufrieden, dass der Entscheid über die Schliessung der Kinos den Kantonen überlassen wurde.

Wegen der internationalen Abhängigkeit?
Ja. In Deutschland, Frankreich, Österreich, Italien und grossen Teilen Amerikas sind die Kinos geschlossen. Für die Schweizer Kinos bedeutet das, dass aus diesen Ländern keine Filme kommen. Und das wiederum heisst, dass die noch geöffneten Kinos bald auf dem Trockenen sitzen.

Welche Folgen haben die Schliessungen für die Filmverleiher?
Wenn fast 45 Prozent vom Markt wegfällt, dann müssen sich die Verleiher entscheiden: Was machen sie mit dem Film, den sie für viel Geld gekauft haben und eigentlich lancieren wollten? Die eine Hälfte der Kinos wartet auf den Film, die andere hat zu. Auf der einen Seite können sie mit den noch geöffneten Kinos solidarisch sein, im Wissen, selber niemals so viel einzunehmen wie im Normalfall. Oder sie halten den Film zurück.

Sind Schweizer Produktionen, wie «Platzspitzbaby», die Verlierer dieser Krise?
Das ist sehr individuell. «Platzspitzbaby» ist gut davongekommen, der lief auch schon vor der Pandemie an und war sehr erfolgreich. Er erzielte fast 330 000 Eintritte, was für eine Schweizer Produktion sehr viel ist. Er wäre sicher noch erfolgreicher gewesen. Hingegen beispielsweise «Mare» wäre während des Lockdowns im Frühling gestartet. Er wurde dann über Schweizer Streaming-Plattformen gezeigt und lief nach dem Lockdown noch im Kino, erzielte aber nur 5000 Eintritte. Er ist somit einer der grossen Verlierer.

Was fordert ProCinema von der Politik?
Seitdem auch die Ausfallentschädigung den Kantonen überlassen wurde, sind wir ernüchtert. Ich erhalte fast täglich E-Mails von Kinos und Filmverleihern, die nach ihrer Einreichung des Gesuchs für Ausfallentschädigung erst nach sechs Monaten zum ersten Mal vom Kanton etwas hören. Es ist praktisch kein Geld geflossen, es gab extrem viele Absagen und gewissen Kinos wurde mitgeteilt, sie seien nicht Kultur. Ausserdem sind wir extrem darüber enttäuscht, dass der Bund keinen Druck auf die Vermieter macht.

Welche Premiereverschiebung hat Ihnen persönlich weh getan?
Das ist eine lange Liste. Ich sehe normalerweise jährlich etwa 250 Filme im Kino. Dieses Jahr waren es etwa 50. Es gibt jedenfalls nichts Besseres, als sich einen Film im Kino anzusehen.

www.procinema.ch

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