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Die Crew wurde von Schnee überrascht. Nun sucht Ben in der weissen Natur. © Filmbringer
Kino Canva, Solothurn / Kino Rex, Bern

Es bleibt ein Gefühl

Schauspieler Dimitri Stapfer und Künstler Benjamin Burger wagen mit «Das Maddock Manifest» einen bildstarken Experimentalfilm über radikale Kunst. Zu sehen ist das rätselhafte Debüt an den Solothurner Filmtagen.

«Das Maddock Manifest» ist eine filmische Adaption Ihres gleichnamigen Solo-Stücks. Dafür liessen Sie sich vom amerikanischen Künstler Hermann Maddock inspirieren, der 1998 in einem performativen Akt Suizid beging.
Benjamin Burger: Das Stück beginnt beim Suizid von Kurt Cobain und geht über Hermann Maddock zu mir. Darin gehe ich der Frage nach, ob Kunst noch unabhängig vom kapitalistischen System sein kann. Die Antwort für mich ist Nein. Daraus ergibt sich dann die Frage, ob Kunst überhaupt noch radikal sein kann, wenn sie sich immer auch gleich verkaufen muss. Es geht um die Sehnsucht danach, etwas zu finden, das noch radikal ist. Maddock hinterliess bei seinem Tod ein Manifest, welches von sich die ultimative Radikalität behauptet. Es heisst, es sei so überzeugend, dass alle, die es lesen, sich als Widerstandsakt auslöschen wollen. Wie Maddock selbst es tat.

Wie viel vom Stück ist nun im Film noch drin?
BB: Das Stück ist sehr dokumentarisch über Maddock. Das haben wir aus pragmatischen Gründen aus dem Film gestrichen. Was geblieben ist, ist ein bestimmtes Gefühl, das sich im Vergleich zum Bühnenstück im Film nochmals verstärkt hat.
Dimitri Stapfer: Wir haben besonders die Figur von Ben aus dem Stück genommen. Sie will die Welt, in der sie lebt, entschlüsseln und versucht das eigene Sein zu erklären. Im Filmkontext konnte sich seine Figur nochmals neu entfalten.

«Das Maddock Manifest» ist für den einen Regie-, für den anderen Filmdebüt. Wie hat dies die Ent­stehung des Films beeinflusst?
BB: Für mich war mein Debüt als Filmschauspieler nur so möglich. Ich habe Dimitri bewusst gefragt, ob er die Regie machen will. Ich habe Bühnenerfahrung und stand auch schon vor der Kamera. Aber in einem Spielfilm zu spielen, der auf meinem Stück beruht, das war für mich ein grosser Schritt. Da muss ich loslassen können. Dimitri konnte ich vertrauen, denn ich wusste, er würde mir keine Anweisungen geben, die er nicht selbst als Schauspieler erhalten möchte.
DS: Für mich war dieses Vertrauen ein unglaublich schönes Geschenk. Ich habe zuvor schon mit dem Gedanken gespielt, Regie zu führen, was ich fürs Theater auch schon tat, aber nie für einen Film. Davor hatte ich immer einen Riesenrespekt. Wir teilten eine Vision und haben daraus eine gemeinsame Handschrift entwickelt.

Der erste Teil des Films findet in einem leeren Theater statt, der zweite draussen im Schnee.
DS: Das war so nicht geplant. Im ersten Lockdown begaben wir uns für den Dreh zu sechst ins leere Theater in Quarantäne. Von der Tonmeisterin bis zum Kameramann konnten alle ihre Ideen einfliessen lassen, was täglich neue Improvisation forderte. Nach zehn Drehtagen hatten wir 14 Stunden Filmmaterial. Der Editor Wolfgang Weigl machte den Schnitt. Er rief uns an und sagte, dass er entweder alles zu einem Kurzfilm schneiden würde oder wir ihm nochmals 25 Minuten Filmmaterial liefern müssten, damit ein Spielfilm daraus wird.
BB: Zuerst waren wir perplex: Wie sollten wir das hinkriegen? Doch dann kam der zweite Lockdown und die Crew hatte wieder Zeit. Wir gingen ins Tessin und drehten dort im Freien den zweiten Teil. Dort fiel entgegen jeder Prognose dieser Jahrhundert­schnee. Wir entschieden, trotzdem weiterzudrehen. Nun spielt der zweite Teil eben in der Schneelandschaft.
DS: Die dortige Postbotin, mit der wir uns anfreundeten, zeigte uns fantastische Locations für den Dreh.

Thematisiert der Film eigentlich auch die Pandemie?
BB: Wir haben bewusst das Wort «Virus» oder «Pandemie» vermieden. Die Frage, ob eine Idee so parasitär sein kann, dass sie sich in den Köpfen festsetzt und unser Handeln steuern kann, das wird hier thematisiert. Das war bereits im Bühnenstück so, also vor der Pandemie. Aber natürlich gibt es da Parallelen.
DS: Durch diese rätselhafte, metaphysische Suche der Figur wird jede*r Zuschauer*in den Film anders interpretieren. Das passiert auch mir. Jedes Mal, wenn ich den Film sehe, verknüpfe ich andere Zusammenhänge und entschlüssle die Geschichte von neuem.

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