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Böhler dokumentiert das Schaffen des arbeitswütigen, politischen Schlingensiefs.© Outside the Box
Kino Rex, Bern

Er brannte für die Utopie

Christoph Schlingensief war ein arbeitswütiger, politischer Ausnahmekünstler, der sich zwischen Film, Theater und Aktionskunst bewegte. Zu seinem 10. Todestag erscheint der ausufernde Dokumentarfilm «Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien».

Der Ruf als Provokateur haftete Christoph Schlingensief bereits nach seinen ersten filmischen Versuchen als 20-Jähriger an, und er versuchte gegen Ende seines Lebens immer vehementer von diesem Vorurteil gegenüber seiner Person wegzukommen. Denn ob er «aussteigewillige» Neonazis in einer Inszenierung von «Hamlet» am Schauspielhaus Zürich als Schauspieler einsetzte oder in Wien die Aktion «Bitte liebt Österreich» inszenierte, an der im Big-Brother-Stil Asylbewerberinnen und -bewerber von Passanten abgewählt beziehungsweise des Landes verwiesen werden konnten, ins­zenierte: Beim Theater- und Filmregisseur sowie Aktionskünstler ging es in erster Linie immer um die Sache und nicht ums Provozieren.

Von «Egomania» bis Bayreuth

Der Dokumentarfilm «Schlingen­-sief – In das Schweigen hineinschreien» der Filmeditorin Bettina Böhler zeigt den als «Skandalregisseur» verschrienen Künstler, der sowohl seine eigene Biografie wie auch hochpolitische Gesellschaftsthemen in seinen Werken verarbeitete, in all seiner aneckenden und liebenswerten Grösse. Der assoziative aber chronologisch gehaltene Film beginnt bei den ersten filmischen, mit viel Kunstblut beklecksten Geh­ver­suchen des Apothekersohns aus Oberhausen, springt zu Filmen wie «Egomania» mit Weggefährten Udo Kier und Tilda Swinton, der Aktion «Tötet Helmut Kohl» auf der Documenta X, seiner Gründung der Partei «Chance 2000», die Arbeitslose ins Zentrum rückte, zur Bayreuther «Parsifal»-Inszenierung, bis zu seinem letzten Projekt, dem Operndorf Afrika in Burkina Faso und der Auseinandersetzung mit seiner Erkrankung an Lungenkrebs im Stück «Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir». Vor zehn Jahren starb er 49-jährig.

Ausuferndes Porträt

Zu Wort kommt im Film in diversen Interviewsequenzen einzig Schlingensief selbst. Gezeichnet wird das Bild eines scharfsinnigen Denkers, der 100 Gedanken gleichzeitig zu haben schien, ein Humanist, der an Utopien glaubte, der brannte für seine Arbeit und dabei auch mal mit Vollgas in eine Wand raste. Böhler montiert private Videos mit Film- und Theateraufnahmen, Aufnahmen von Ak­tionen und TV-Auftritten zu einem rauschhaften und ausufernden Porträt aus Archivmaterial. Ein Porträt, das am Ende eine schmerzliche Lücke hinterlässt: Die Erkenntnis, dass heute Schlingensiefs gesellschaftskritische, aufmüpfige Stimme fehlt.

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