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Outside the box Aufbau, Umbau, Abbau? Die Heitere Fahne lebt von den Ideen und den Idealen des Kollektivs.© Outside the box
Kino Rex, Bern. Kleine Schanze, Bern

Blick in die Idealistenkiste

Wie schafft man einen Ort für möglichst viele, an dem fast alles geht? Der Berner Filmemacher Christian Knorr taucht in der Dok «Heitere Fahne – Ein Film für alle» in den Kosmos des Kulturhauses ein – und sucht zusammen mit dem Kollektiv nach Antworten.

Veranstaltungsdaten

MO 27.09.2021 20.30
DI 28.09.2021 13.30
DI 28.09.2021 20.15
MI 29.09.2021 13.30
MI 29.09.2021 20.30
«Wir gingen durch die Tür und plötzlich standen wir in diesem Saal. Es hatte Müll, Stühle lagen herum, es stank. Der Saal aber war einfach DER Saal. Und wir waren überwältigt.» So schildert Rahel Bucher den Moment, als sie während eines Spaziergangs mit Freunden erstmals den grossen Saal einer verwaisten Wirtschaft am Fuss des Gurten betrat. Acht Jahre später ist ein Kulturhaus daraus geworden, das zu Speis und Trank, Theater, Konzerten und grossen Festen einlädt und dabei eine Vision hat – der Ort, zu dem Rahel Bucher und ihre Freunde die alte Gaststube im Laufe der Jahre gemacht haben.

Kopf und Körperschaft

Während eineinhalb Jahren besuchte Christian Knorr mit seiner Kamera im Gepäck die Heitere Fahne, um Anlässe zu beobachten, aber auch, um hinter die Kulissen dieses speziellen Ortes zu blicken. Ein mittlerweile 30-köpfiges Kollektiv sowie die etwa 150 Freiwilligen, darunter auch Menschen mit Behinderung, Geflüchtete oder IV-Bezüger*innen, tragen den Kulturort. Sie alle sind Kopf und Körperkraft hinter mehr als 320 Veranstaltungen im Jahr. Der Dokfilm zeigt ein Pionierprojekt, das mit viel Verve und Erfolg begann und Besucher*innen mit seinen bunten und kunstvoll erbauten Szenerien und der spürbaren Lust am Anpacken in den Bann zieht.

Einfach mal machen

«Auf meine ersten Fragen, wie die Heitere Fahne und das Kollektiv dahinter eigentlich funktioniere, gaben mir die Menschen hinter dem Projekt ganz unterschiedliche Antworten», sagt Knorr. Die Essenz der Heiteren Fahne zu erfassen, sei gar nicht so einfach gewesen. Der vorherrschende Pragmatismus faszinierte ihn sofort: «Einfach mal machen, statt lange zu diskutieren – das ist dort Devise.» Knorr sagte diese zu, auch er habe sich beim Filmen manchmal davon leiten lassen, sei wiederholt mit der Kamera aufgetaucht, ohne zu wissen, was gerade im Kosmos der Heiteren Fahne passiere.

Arbeiten in Freundschaft

Der Regisseur filmte dabei unter anderem Diskussionen des Kollektivs mit Robert Schmuki, einem Experten für Entwicklungsprozesse von Non-Profit Organisationen. Die Heitere Fahne hatte ihn von aussen hinzugeholt, um die Suche der Idealist*innentruppe nach mehr Planbarkeit und Struktur zu begleiten. Denn: Arbeitsverträge oder fixe Rollen gab es zu diesem Zeitpunkt in der Heiteren Fahne nicht oder kaum. Doch trotz oder vielleicht gerade wegen fehlender Pläne und Absicherungen: Vieles scheint das Projekt bereits richtig zu machen, das zeigt sich in den ausgelassenen Szenen im Film, die glitzerverzierte Gesichter, tanzende Gäste in vollen Räumen und konzentrierte Blicke in Richtung Bühne einfangen.

Arbeiten mit Freunden und das zum grössten Teil ehrenamtlich, kann das gutgehen? «Eigentlich sogar sehr gut», das sagt Joël Baumgartner in die Kamera, als Knorr ihn auf die 2000 Franken Lohn anspricht. «Es geht immer auf und ab. Einerseits will man ja Sicherheit. Trotzdem will man auch den Idealismus nicht loslassen. Es ist ein Abwägen.»

Wie viel Freundschaft hat Platz in einem Moment, in dem angepackt werden muss, damit die Show am Abend reibungslos über die Bühne geht? In manchen Momenten entsteht Frust, kommt das Kollektiv auch kurz an seine Grenzen. Und dann ist da noch eine Pandemie, welche auch die Heitere Fahne schwer trifft, nicht nur finanziell.

Ein Film für alle

Die Doku «Heitere Fahne» fängt das Kulturhaus in Momenten der Suche ein, die Faszination von Filmer Knorr für die Tatenlust und den Mut, den das Kollektiv für seinen Traum und Lebensentwurf aufbringt, ist dabei in allen Szenen spürbar. Dabei ist die Heitere Fahne mehr als Restaurant und Gastgeberin von ausgelassenen Partys. Primarschüler*innen kommen hier zum Mittagstisch und Renter*innen zum Café. Darüber hinaus macht das Kollektiv sich immer wieder Gedanken darüber, wie es die Inklusion, für die es schon ausgezeichnet wurde und die etwa auch mit einem Theaterclub gelebt wird, noch stärker umsetzen kann.

Der Film lässt neben diesen intimen Einblicken einiges offen: Wie geht es weiter? Wurde eine neue Ordnung gefunden, nach der die Gemeinschaft im Film strebt? «Die Suche geht immer weiter, das ist ein laufender Prozess. Wir sind aber schon weit gekommen», sagt Alexandra Suter vom Kollektiv.

Die Premiere des Dokumentarfilms im Kino Rex feiert die Heitere Fahne anschliessend im nahen Pavillon auf der Kleinen Schanze mit einem musikalischen und kulinarischen Rahmenprogramm.

Fest:
Kleine Schanze, Bern

Sa., 18.9., 14 Uhr
www.heiterefahne.ch

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