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Einer der Protagonisten, Künstler Andrea Clavadetscher: «Diese Landschaft muss man ertragen können.»© Outside the Box

Beengende Weite

Mit «Suot Tschêl Blau» rollt der Bündner Filmemacher Ivo Zen ein schmerzhaftes Kapitel des Oberengadins auf: In den 80er- und 90er-Jahren greift auch dort das Heroin um sich.

Die Schönheit der Engadiner Landschaft mache einen auch zappelig, man müsse sie ertragen können, beschreibt ein Zeitzeuge. Im Oberengadin der 80er-Jahre aber wurde die Jugend ausgegrenzt und abgeschottet. Durch die Musik – den Hardrock – schwappte die Jugendbewegung, die damals Schweizer Städte in Aufruhr brachte, auch langsam über nach Samedan, einem kleinen Dorf neben St. Moritz.

«Hart und warm zugleich»

Schroffe Berggipfel, die schnee­bedeckt plötzlich ganz sanft wirken, und drüber der klare Himmel des Engadins sind omnipräsente Sujets in Malerei und Literatur. So schrieb etwa die Fotografin und Autorin Annemarie Schwarzenbach: «Überraschend tief und blau ist der Engadiner Himmel, die Landschaft hart und warm zugleich.»

Schwarzenbach, die zeitlebens mit einer Drogensucht zu kämpfen hatte, wird im Dokumentarfilm «Suot Tschêl Blau» (übersetzt: Unterm blauem Himmel) zitiert. Der Bündner Filmemacher Ivo Zen spricht darin ein schmerzhaftes Kapitel der Engadiner Geschichte an, das lange unter den Teppich gekehrt wurde: Während in Zürich die offene Drogenszene ein bekanntes Problem war, griffen im Oberengadin der 80er- und 90er-Jahre die Fänge des Heroins ungebremst um sich. Zen, dessen letzte Dokumentation «Zaunkönig – Tagebuch einer Freundschaft» (2016) ebenfalls von einem vom Heroin gezeichneten Schicksal handelte, erzählt nun anhand von Relikten aus Film und Fotografie sowie den Erzählungen von Zeitzeuginnen und -zeugen.

Verschweigen statt aufarbeiten

Er erzählt von einer Generation Jugendlicher, deren Eltern ihre Hilflosigkeit weder wahrhaben noch ansprechen wollten. Sinnbildlich hierfür: An Abdankungen von Drogentoten sei die Todesursache meist verschwiegen worden. Doch: «Wir müssen die Vergangenheit kennen, um die Zukunft zu gestalten», sagt die Mitarbeiterin eines Oberengadiner Kultur­archivs. Sie beteuert, wie schwierig es gewesen sei, die Geschichten der Familien zu sammeln.

Ivo Zen schuf mit «Suot Tschêl Blau» ein kurzweiliges und aufwühlendes Filmdokument, das viel Zeit lässt fürs Innehalten und Auf-Sich-Wirken-Lassen der starken Naturbilder. So etwa die vielsagende Einstellung eines Friedhofs auf dem so viel Schnee liegt, dass nur noch die Kuppen der Grabsteine erkennbar sind.

Demnächst bei Quinnie:
www.quinnie.ch

 

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