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Ohne Stempel: Ein Gast telefoniert, weil er von Seraina nicht eingelassen wird.© David Fürst

An Seraina führt kein Weg vorbei

Türsteherinnen sind immer noch die Ausnahme im Berner Klubleben. Sie müssen mit unterschiedlichen Rollenbildern, übergriffigem Verhalten und gewaltbereiten Gästen umgehen können und dabei Ruhe bewahren. Wir haben Seraina, Dayna, Anna, Mara und Natascha während einer kühlen Aprilnacht bei ihrem Einsatz im Progr begleitet.

Sie heissen Anouk, Natascha und Mara, Anna, Cami, Seraina und Dayna. Sie sind zwischen 21 und 41 Jahre alt. Ihre Arbeit beginnt dann, wenn die der meisten anderen endet. Ihr Feierabend ist das Feierende. Sie sind Ansprechperson bei Übergriffen und Rausschmeisserin, Mediatorin bei Konflikten und Sozialarbeiterin. Vor allem aber sind sie Ausnahmen.

Denn Türsteherinnen sind in Bern noch immer ein seltener Anblick. Der Beruf wird vor allem von Männern ausgeübt – und mystifiziert. Türsteher, das sind muskelbepackte, bullige Typen, die scheinbar willkürlich darüber bestimmen, wer Einlass kriegt und wer nicht, sie sind Bouncer, Rausschmeisser, sie sind der böse Kerl an der Tür.

Türsteherinnen durchbrechen dieses Klischee, vor allem aber werden sie ständig damit konfrontiert. Wie gehen sie damit um? Und wie erleben sie eine der letzten männlichen Domänen im linksgrün geprägten Bern?

Eine neue Sicherheitskultur

«Ich war sehr lange die einzige Frau im Team», erklärt Anouk. Die 28-Jährige arbeitet seit acht Jahren als Türsteherin beim ISC Club. Eine Kollegin, die damals an der Kasse arbeitete, hatte ihr empfohlen, sich zu bewerben. «Im Jobprofil stand: Über 25 Jahre alt, gross, Kampfsport-Erfahrung. Es stand nicht, ob männlich oder weiblich, aber wir haben alle ein gewisses Bild im Kopf. Deshalb habe ich zuerst gezögert.» Sie bewarb sich trotzdem. Und blieb während vier Jahren die einzige Frau an der Tür. Heute sind fünf Frauen Teil des zwanzigköpfigen Teams.

Beim Sicherheitsdienst Taktvoll sind zehn von dreissig Mitarbeitenden Frauen. Es ist kein Zufall, dass verhältnismässig viele Frauen bei Taktvoll arbeiten. Der Sicherheitsdienst, der für seine Arbeit den Begriff «Sicherheitskultur» benutzt, ist ausdrücklich offen gegenüber Kolleg*innen «aller Geschlechtsidentitäten, sexuellen Orientierungen und Herkunftsbiografien».

Taktvoll wurde 2018 von ehemaligen Mitarbeitenden des «Wellness»-Teams der Reitschule gegründet. Konflikte will das Team vermittelnd und grundsätzlich deeskalierend handhaben. Diese dialogbasierte und inklusive Sicherheitsphilosophie versteht Taktvoll auch als Kritik an einer Branche, in der Gewaltbereitschaft und Machismo in den eigenen Reihen keine Seltenheit sind.

An einem Abend Mitte April treffen wir sechs Türsteherinnen und zwei Türsteher von Taktvoll um 21.45 Uhr vor der Turnhalle zum Einsatzbriefing. Wir können sie während einer Nacht bei ihrer Arbeit begleiten. Dayna, die heute die Hauptverantwortung trägt, gibt Infos zur Veranstaltung weiter.

Fremde und eigene Wahrnehmung

Werden Türsteherinnen gleich ernst genommen wie ihre männlichen Kollegen? Cami, hauptberuflich Ärztin und seit zweieinhalb Jahren bei Taktvoll dabei, meint: «Es ist sehr situationsabhängig. Bei einigen männlichen Gästen merke ich schnell, dass sie mich nicht respektieren. Bei anderen wiederum merke ich, dass ein Mann sie eher triggern würde.»

Anouk, die Türsteherin vom ISC, wiederum erklärt: «Ich fühle mich in 95 Prozent der Situationen ernst genommen.» Es seien meist ältere oder sehr konservative Männer, die nicht mit ihr klarkämen. «Da gibt es dann schon auch mal den Spruch: Von einer Frau lasse ich mir gar nichts sagen.» Das eigene Auftreten sei dann massgebend dafür, Respekt zu erlangen: «Ich muss anders an eine Situation herangehen als mein zwei Meter grosser Teamkollege. Ich muss mich ein wenig grösser machen als ich bin, sei das mit der Gestik oder dem Tonfall.»

Wenn es eskaliert

Es ist 23.20 Uhr. Seraina kontrolliert die Stempel am Eingang im Untergeschoss der Turnhalle. Ein Gast möchte ohne Stempel eingelassen werden und beginnt, sie zu beleidigen. Die Türsteherin stellt sich ihm in den Weg und funkt nach Unterstützung. Er rennt gegen sie an. Kurz darauf sind Dayna und Nik da und nehmen den Mann mit. Er bekommt eine Verwarnung und muss einen Stempel holen. Als er wieder an Seraina vorbeikommt, sagt er wütend: «Ich hoffe, du kannst diese Nacht gut schlafen.»

Physische und verbale Auseinandersetzungen sind Alltag für Türsteher*innen. Da gilt es, ruhig zu bleiben und schnell zu handeln. Und: Zu zweit ist besser als allein. Grundsätzlich begegnen Türsteherinnen Konfliktsituationen nicht anders als ihre männlichen Teamkollegen: Sie greifen im Ernstfall physisch durch. Die Verletzungsgefahr in solchen Situationen ist real. Kampfsporterfahrung war deshalb lange Zeit Voraussetzung für den Beruf. Das hat sich mittlerweile, unter anderem wegen akutem Personalmangel, geändert. Sowohl der ISC als auch Taktvoll führen nun regelmässig eigene Trainings durch. Dort erlernen die Mitarbeiter*innen Handgriffe und physische Strategien, um gewaltbereiten Gästen zu begegnen. Das soll auch Mitarbeitende ohne Kampf­sport-Erfahrung auf brenzlige Situationen vorbereiten.

«Erfahrung im Kampfsport kann ein gewisses Selbstvertrauen schaffen», so Dayna, die neben ihrer Arbeit bei Taktvoll als Kampfkunstlehrerin arbeitet, «Aber genauso wichtig sind die Erfahrungen, die man bei der Arbeit selbst macht. Auch wenn man Kampfsport macht, muss man erst lernen, Situationen richtig einzuschätzen.»

Unsichtbare Übergriffe

Unterschiedliche Eskalationen erfordern eben auch einen unterschiedlichen Umgang. So müssen die Türsteher*innen bei sexuellen Übergriffen anders vorgehen als bei Schlägereien. Im letzteren Fall müssen sie so schnell wie möglich eingreifen. Im ersteren sind das Bedürfnis und die Sicht der betroffenen Personen entscheidend.

«Oftmals sind Übergriffe so subtil, dass wir sie nicht bemerken oder nicht von aussen einschätzen können, ob es sich um einen handelt oder nicht», so Cami. Deshalb seien Türsteher*innen bei Übergriffen darauf angewiesen, dass sie gemeldet werden. Leider, das betonen alle, sei das noch viel zu selten der Fall – oder zu spät. Oft erführen sie erst im Nachhinein davon.

Vielfältige Arbeit und vielfältige Ziele

Den Überblick behalten, die Ba­lance zwischen Freundlichkeit und Strenge wahren und im Umgang mit unzurechnungsfähigen Gästen situativ richtig reagieren – das alles kann belastend und herausfordernd sein, macht die Arbeit aber gerade auch interessant. «Kein Abend ist wie der andere», findet Dayna, als sich gegen Morgen die Menschenmassen etwas lichten und sie kurz Pause machen kann.

«In dieser Arbeit nehme ich ganz verschiedene Rollen ein», erklärt Anna, die bis zu elf Mal im Monat als Türsteherin arbeitet, «manchmal bin ich Sozialarbeiterin, manchmal die grosse Schwester, die einen umarmt, und manchmal bin ich eben auch die Strenge, die etwas durchsetzt und am Schluss das Arschloch ist.»

Befriedigend sei ihre Arbeit, wenn sie merke: Ich konnte jemandem helfen. Denn schlussendlich sei das eines der wichtigsten Ziele von Sicherheitsarbeit: dass sich alle im Ausgang wohlfühlen, gerade auch vulnerable Menschen.

Dazu gehört auch: den Einlass möglichst diskriminierungsfrei gestalten. Sowohl Taktvoll wie auch der ISC verzichten auf das, was man eine «harte Tür» nennt. Das heisst, am Einlass wird nicht selektioniert. Nur Personen, die sich übergriffig verhalten, sexistische oder rassistische Sprüche machen, bleiben draussen.

Zu Ende

Um 03.20 Uhr geht das Licht im Progr an. Einige Gäste tanzen noch vor dem DJ-Pult, andere liegen auf den Sofas am Rand der Tanzfläche. Alkohol und stundenlanges Tanzen haben ihre Spuren hinterlassen. «Die Arbeit als Türsteherin hat mich auch ein wenig desillusioniert», meint Mara. Der Blick der Germanistik-Studentin auf Ausgang, Alkohol und Rausch habe sich verändert, seit sie den Gästen beim sich Übergeben im Morgengrauen zuschauen müsse. «Aber es hat mich persönlich weitergebracht».

Um Punkt halb vier ist die Musik aus. Nun bringt das Team die letzten Nachtschwärmer*innen ans Ein­­lass­tor und schliesst die Tür hinter ihnen. «Schönen Abend euch.» Mara und Natascha kontrollieren noch einmal die Gänge des Progr auf Sachschaden, dann treffen wir uns alle wieder in der Turnhalle zu Bier, Ingwerer und Debriefing. Im Raum ist es angenehm still ohne Musik und Menschenmassen. Endlich Feiermorgen.

Dieser Text erscheint in Zusam­men­arbeit mit Journal B, dem Online-Magazin, das sagt, was Bern bewegt.
www.journal-b.ch

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