mitgliederwerden grey iconMitglied werden
Archiv
Criptonite verhandeln am Bone Performance Festival ihre Lüste und Wünsche.© Jean Marc Thurmes
Grosse Halle der Reitschule, Bern

Worauf Medusa Lust hat

«Pleasure» heisst die crip-queere Late-Night-Variety-Show des Duos Criptonite, in der es ums Vergnügen ohne Tabus geht. Zu erleben ist sie am Bone Performance Festival.

Medusa, die Sterbliche mit dem Schlangenhaar und dem wütenden Blick, und Dionysos, der wandelbare Gott der Ausschweifung, empfangen in der Grossen Halle, die kurzzeitig zum Hades wird. Geladen haben die beiden, die es sich meist in der Horizontalen bequem machen, erlesene Gäste. «Wir feiern uns selber», sagt Nina Mühlemann alias Medusa über das crip-queere Spektakel «Pleasure», das sie im Kunstduo Criptonite mit Edwin Ramirez inszeniert.

Wut auf Ableismus

In ihrer unterweltlichen Late-Night-Variety-Show gehts um Vergnügen, das sich, weder von Schmerzen noch von Tabus ausgebremst, auf der Bühne breitmacht. «Es wird ein Abend, an dem wir nach konsensualer Lust suchen. Wir bitten alle Anwesenden, uns diese zu bereiten – so wie wir sie ihnen gewähren, wenn sie uns zuschauen», sagt Nina Mühlemann. Mit «Pleasure» drehen Criptonite die ableistische Ökonomie des Begehrens und des Gebens und Nehmens um: «Menschen mit Behinderungen werden oft als passive Empfänger*innen von Lust angesehen – wenn man sie ihnen überhaupt zugesteht.» In der Gesellschaft gelten vor allem jene Körper als lustwürdig und lustfähig, die fit, gesund und schmerzfrei sind. Dabei stehen Schmerz und Emotionen wie Wut nicht im Widerspruch zu Lust, betont Nina Mühlemann. Sie ist wie Edwin Ramirez Rollstuhlfahrerin.

Kein zerstückelter Körper

Mit Medusa verbindet die Künstlerin einiges. So wie die mythische Figur, deren wütendes Haupt abgetrennt wurde, kriegte Nina Mühlemann von klein auf gesagt, dass ihr Körper zwar ein Problem, ihr Kopf aber prima sei: «Mein Körper wurde abgewertet und tabuisiert, ich wurde auf meinen Geist reduziert.» Diese ableistische Zerstückelung macht sie auf der Bühne rückgängig. «In der Unterwelt bin ich als Medusa endlich mit meinem Körper wiedervereint.» Mit Partner*in Edwin Ramirez als Dionysos, dem Gott der marginalisierten und queeren Orgiast*innen, moderiert und formuliert sie die Lüste, entspannt auf dem Boden liegend. Diese Pose stimme für sie am besten, da so die Beine entlastet seien und frei von Schmerz. Für ihre Kunst wurden die beiden vor wenigen Tagen von der Stadt Zürich ausgezeichnet.

«Pleasure» ist am Bone Perfor­mance Festival zu sehen. Der dreitägige Event zeigt dieses Jahr unter dem Motto «Deep Focus» experimentelle und aktivistische Club- und Performancekultur.

Events zu diesem Artikel

Keine Veranstaltungen

Folgen Sie uns

Anmeldung Newsletter

Wetter in Bern

laden