mitgliederwerden grey iconMitglied werden
Archiv
Maike Lex ist Leiterin des Schlachthaus Theaters. © ZVG
Schlachthaus Theater, Bern

«Wir wollen Vielfalt, Aktualität, Offenheit»

Maike Lex ist seit 2010 Leiterin des Schlachthaus Theaters. Im Gespräch erzählt sie, wie sie einst selbst Theater spielte, zur Gastgeberin in der israelischen Wüste wurde und warum sie Theater kaum je langweilt.
Es sieht aus wie in einem schummrigen Nachtclub. Violettes Licht bestimmt den Raum. Es wird gerade «Go Go Othello» im Schlachthaus Theater geprobt, ein Stück der südafrikanischen, in Bern lebenden Künstlerin Ntando Cele. Sie geht der Frage nach, was für Bühnen es für Schwarze Frauen – das grosse «S» verweist darauf, dass es sich um eine Selbstbezeichnung handelt – in Europa gibt, wenn nicht einmal die Rolle des Antihelden Othello mit People of Color besetzt wird.

Ein Thema, das bestens ins Schlachthaus Theater passt. «Vielfalt, Aktualität und Offenheit», fasst Maike Lex, die das Theater seit 2010 leitet, die Werte des Hauses zusammen. In einem Mix aus Stand-up-Comedy, Performance, Videokunst, Tanz und Konzert untersuche Ntando Cele das Fortbestehen von rassistischen Stereotypen in der Kunstwelt und die spezielle Rolle des schwarzen Frauenkörpers darin.

Schwarze Künstlerin in Bern

Ntando Celes Partner, der Autor Raphael Urweider, liefert den Text zum Stück, Simon Ho die Musik. Die Truppe ist nicht zum ersten Mal Gast im Schlachthaus Theater. Für Maike Lex ist «Go Go Othello» ein Herzensprojekt. Sie selbst hat kürzlich einen Rassismus-Workshop besucht und findet, dass eine Sensibilisierung für strukturellen Rassismus Menschen unabhängig von ihrer politischen Couleur gut tut.

Gemeinsam mit der Gastkünstlerin eröffnet das Schlachthaus Theater mit der «Art Black Form» eine temporäre Plattform für Kunstschaffende, «die sich als People of Color identifizieren», wie es im Programmtext steht. Ntando Cele habe sich gefragt: «Bin ich eigentlich die einzige schwarze Künstlerin in Bern?», fasst Lex die Idee hinter dem Projekt zusammen.

Man fällt vom Stuhl

Die Zusammenarbeit mit der Freien Szene hat im Schlachthaus eine lange Tradition. Maike Lex war einst selbst Teil davon. Die 1974 in Ludwigshafen am Rhein geborene Deutsche spielte während ihres Studiums der Kulturwissenschaften und der Ästhetischen Praxis in Hildesheim in verschiedenen Theatergruppen mit.

1998 gründete sie mit einer Freundin die Gruppe «Mutabor». Der Name bedeutet «Ich werde mich verwandeln» und kommt im Märchen «Die Geschichte vom Kalif Storch» als Zauberwort vor. Lex und ihre Bühnenpartnerin knöpften sich einen Text von Samuel Beckett vor und machten daraus eine Performance. «Nebst der Frage danach, was Theater überhaupt definiert, haben uns auch feministische Aspekte beschäftigt», so Lex.

Rassismus und Sexismus

Ein Thema, das auch die kommende Saison im Schlachthaus Theater bestimmt. Mit dem im Oktober startenden Festival «Oh Body!» finden bereits zum zweiten Mal die feministischen Theater- und Performancetage statt. Bei vielen Beiträgen gehe es um Identität und um die «Freiheit sich selbst zu sein», wie Lex sagt. Sie sei überzeugt, dass auch Leute, die sich gemeinhin für tolerant hielten, im Theater noch einiges über Rassismus und Sexismus erfahren könnten. Sie betont aber auch: «Wir sind weder eine Lehranstalt noch wollen wir die Arbeit einer NGO ersetzen.»

Gutes Theater ermögliche eine künstlerische, sinnliche Erfahrung, habe eine Haltung oder Message, ohne alle gestellten Fragen beantworten zu müssen. Ins Schwärmen gerät Lex über das im Rahmen von «Oh Body!» gezeigte Stück «Playblack», bei dem schwarze Musikschaffende zu Wort kommen und die Scheinheiligkeit im Umgang mit ihnen aufdecken. «Man fällt vom Stuhl», verspricht Lex.

In der Wüste

Als Kind habe sie noch keinen Sinn für stereotype Rollen im Theater gehabt, dafür aber eine grosse Spiellust. «Ich spielte auch mal die böse Stiefmutter im Schneewittchen. Heute würde ich die Stigmatisierung dieser Figur hinterfragen.» Lex, die Mutter einer sechsjährigen Tochter ist, findet Grimm-Märchen zwar interessant, liest dem eigenen Kind aber lieber andere Geschichten vor.

Es sei nicht immer einfach, Mutter und Leiterin eines neunköpfigen Teams zu sein. Im Umgang mit ihrem Team ist ihr Kommunikation sehr wichtig. Gegenüber dem Publikum versteht sie sich als Gastgeberin. Eine Rolle, die sie nach dem Abitur in der israelischen Wüste Negev probte. Als freiwillige Helferin kümmerte sie sich um rund 25 Besucherinnen und Besucher. «Ich zeigte, wie man in der Wüste klarkommt, und betätigte mich als Köchin.»

Danach verschlug es Lex nach Italien, wo sie auf einem Weingut bei der Traubenernte half. «Ich wollte nach der langen Schulzeit etwas Praktisches machen.» 1996 begann sie schliesslich ihr Studium, bei dem sie sich als Regisseurin entdeckte. Am Theater Luzern war sie von 2002 bis 2005 als Regieassistentin tätig. Bei ihrer kurzzeitigen Rückkehr nach Deutschland betätigte sie sich als freischaffende Regisseurin und Theaterpädagogin.

«Bi de Lüt»

Als sie in Bern die Direktion des Schlachthauses übernahm, teilte sie sich anfangs die Stelle mit der 2019 verstorbenen Myriam Prongué. Bereits 2014 hatte Prongué das Schlachthaus verlassen, worauf Lex die alleinige Führung übernahm. Ein heikler Moment sei es gewesen, als Kultursekretärin Veronika Schaller dem Schlachthaus Theater mit einer Fusionierung mit der Dampfzentrale «drohte», so Lex. «Wir mussten uns neu organisieren.»

Für die Zukunft wünsche sie sich, weiterhin «neue Räume zu erobern». «Wir haben zwar eine tolle Infrastruktur, aber wir hätten gern mehr Platz.» Bereits in der vergangenen Saison habe man die Spielzone ausgeweitet, indem man unter dem Motto «Bi de Lüt» im Westen von Bern gespielt habe. Manche hätten das so cool gefunden, dass sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben ein Theaterticket kauften.

Lex liebt «Live Art», wenn etwas auf der Bühne entsteht und auch Unvorhergesehenes möglich wird. Ob «klassisches» Theater, bei dem ein roter Vorhang auf und zu geht, sie langweile, verneint sie. «Ich liebe Theater so sehr, dass ich eigentlich immer etwas sehe, was mich fasziniert.» So habe sie sich letzthin auf einem Jahrmarkt sogar für ein konventionell inszeniertes «Rumpelstilzchen» begeistert, das sie sich gemeinsam mit ihrer Tochter ansah.

Events zu diesem Artikel

Keine Veranstaltungen

Anmeldung Newsletter

Wetter in Bern

laden