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Mütter und Künstlerinnen geben in «Kunst Mutter» einen persönlichen Einblick.© Yoshiko Kusano
Tojo Theater Reitschule, Bern

«Welche Archetypin bringen Sie zur Welt?»

Schauspielerin Sonja Riesen und Choreo­grafin Anna Blöchlinger befinden sich in den Proben zu «Kunst Mutter». In der Koproduktion von Tojo Theater und Vor Ort tüftelt ein Frauenkollektiv an neuen Mutterbildern im Kunstschaffen, wie sie im Interview erklären.

Sonja Riesen und Anna Blöchlinger, Sie sind sechs Künstlerinnen und alle Mütter. Den Drahtseilakt zwischen Kunstmachen und Mutterschaft haben Sie zum Stück gemacht. Ein Thema mit Zündstoff.
Sonja Riesen: Die Idee zu diesem Stück tragen wir seit mehreren Jahren mit uns herum. Gerade wenn du an einer Produktion arbeitest und kleine Kinder hast, eilst du von der einen Baustelle zur anderen, und für beide fehlt dir die Zeit. Ironischerweise kamen wir bis jetzt auch schlicht nicht dazu, dieses Thema auf die Bühne zu bringen.
Anna Blöchlinger: Zündstoff für mich ist die Tatsache, dass für uns Mütter die Kunstwelt anders aussieht und sich dies in jedem Projekt äussert. Mütter gehen als Erste nach Hause, sie fehlen bei den Proben, wenn die Kinder krank sind. So entstehen Nachteile.

Ihnen geht es also um die Schwierigkeiten des Kunstbetriebs?
AB: Ja. Um die Schwierigkeit der Vereinbarkeit von Arbeits- mit Familienzeiten oder Kita-Öffnungszeiten beispielsweise, weil die Proben oftmals abends stattfinden. Bei unserer Produktion haben wir sowohl unsere Probezeiten wie auch die Vorstellungszeiten so angepasst, dass sie «muttertauglich» sind.

Stösst das Thema auf offene Ohren bei Regie oder künstlerischen Leitungen?
AB: Es wird mittlerweile oft akzeptiert, wenn man bei einer Probe später kommt oder früher geht. Aber letztendlich sind es dann wiederum oft die Männer, die dadurch mehr Präsenz erreichen. Will man als Frau in der gleichen Verantwortung stehen, hat man eigentlich keine Chance.

Das Thema ist an sich nichts Neues. Die Künstlerin Lea Lublin hat in ihrer Performance «Mon Fils» (1968) die Care-Arbeit für ihren damals sieben Monate alten Sohn für die Dauer einer Ausstellung in ein Pariser Museum verlegt, um die Unvereinbarkeit von Kunstbetrieb und Betreuungsarbeit zu demonstrieren. Warum ändert sich so wenig?
AB: Es hapert nicht unbedingt 
am Bewusstsein, wohl eher an der konkreten Umsetzung. Es braucht dringend strukturelle und gesellschaft­liche Umwälzungen, damit der Kunstbetrieb den Tag umkehrt. Im wahrsten Sinne des Wortes.
SR: Und ein grundlegendes Nachdenken über den Nine-to-five-Job und dessen Folgen.

Gab es für Sie Vorbilder, die Sie in Bezug auf Kunstschaffen und Mutterschaft inspiriert haben?
SR: Das habe ich mir eigentlich nie überlegt. Ich wurde nach dem Schauspieldiplom sehr schnell schwanger. Die Freiheit, nur für mich selbst da zu sein, erlebte ich dadurch nicht. Parallel teilte ich die Verantwortung zwischen der Schauspielerei und dem Muttersein auf.
AB: Ich hatte kein Vorbild. Eher würde ich sagen, dass ich nie die Zuversicht verlor, dass wir uns in einer Entwicklung befinden. In der Realität gestaltet die sich aber eher langsam. Ich glaube an emanzipierte Männer und gestandene Regisseurinnen mit Kindern. Diesen Glauben habe ich aufgeblasen, damit ich es durchziehen konnte.

Welche Archetypin bringen Sie im Stück zur Welt?
AB: Mir persönlich geht es nicht um die Geburt einer einzigen Archetypin, sondern um die Entwicklung weiblicherer Systeme, welche bedürfnisorientiert sind und gemeinschaftlich funktionieren. Zum Beispiel: Wir arbeiten am Theater, und unsere Familie ist auch da. Die Betreuung wird aufgeteilt. Für die Umsetzung solcher Visionen brauchen wir alle zusammen.
SR: Ich frage mich schon länger, wie es wäre, als Produktionsteam dreieinhalb Tage irgendwohin zu gehen und einzutauchen. Und dann nach Hause zu kommen und dreieinhalb Tage präsent zu sein als Familienmensch.

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