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Die Tänzer*innen lösen in den Choreografien die Grenzen der Geschlechter auf.© Gregory Batardon
Vidmar 1, Liebefeld

Von Adam bis Eva

«Le Troisième Sexe» von Bern Ballett vereint Tanzstücke von Étienne Béchard und Caroline Finn, die sich aus der Geschlechterbinarität herausbewegen – mal im Garten Eden, mal im Mobitoil.

Am Anfang ist die Bühne leer, ein nebliges Nichts. Bald recken und strecken sich aus dieser Ursuppe einzelne Glied­massen, schlängeln, robben und kriechen als Körper, die Konturen gewinnen, drehen und rotieren, recken sich allmählich von der Groteske bis zur Grazie in den zweibeinigen menschlichen Stand – und tanzen schliesslich um ein wurzelartiges Geflecht, das von der Decke in den Raum ragt und Äpfel trägt. Fast alles ist da in dieser Urszene, einzig die Schlange fehlt – und Eva. Denn die Tänzer dieses paradiesischen Szenarios werden alle männlich gelesen.

Biss in den Apfel ohne Schuld

Es gehe in seinem Stück «Upside Down» darum, den biblischen Schöpfungsmythos und seine kulturelle Fundierung der Zweigeschlechtlichkeit auf den Kopf zu stellen oder besser: nochmals neu durchzuspielen, meint der französische Tänzer und Choreograf Étienne Béchard («Post Anima»), der das Stück im Auftrag von Bühnen Bern mit den männlich gelesenen Tänzern von Bern Ballett erarbeitete. Der un­ausweichliche Biss in den Apfel führt hier also nicht zu Scham, Schuld und Verdammung der Frau, sondern in ein lustvolles Erproben körperlicher und geschlechtlicher Identität, erklärt Béchard: «Es ging mir darum, den Weg von einer ursprünglichen Unschuld hin zu der Frage nach Identität nachzuzeichnen.» Erkenntnis als körperlich-geschlechtliche Selbsterkenntnis: Das exerzieren die sechs Tänzer in allen Variationen durch, von Adam bis Eva. Mal erklingt dazu ein Countertenor bei Stabat Mater von Giovanni Battista Pergolesi, mal pfeifen die Paradiesvögel aus der Musikanlage. So verrenken sich die Tänzer bald auch zu dritt ineinander verschlungen in fatal hohen Stilettos und lächeln dabei verführerisch ins Publikum. Die Vertreibung aus dem Garten Eden lässt auf sich warten.

Anlehnung an de Beauvoirs Essay

«Upside Down» ist der erste Teil der Produktion «Le Troisième Sexe» von Bern Ballett. In Anlehnung an Simone de Beauvoirs epochalen feministischen Essay «Le Deuxième Sexe» aus dem Jahr 1949 wolle man sich damit dem aktuellen Genderthema an­nähern und gleichzeitig verhärtete Debatten auflockern, erklärt Dramaturgin Bettina Fischer: «Wir kehren zurück an den Anfang, zurück zu diesem existenziellen, befreienden Moment, den de Beauvoir beschrieb.»

Mit Tanz quasi der Überwindung von Geschlechterordnungen auf die Sprünge helfen: Doch warum teilt man dazu das Ensemble ausgerechnet nach zwei Geschlechtern? Wiederholt das nicht gerade jenen bi­nären Sündenfall, den man mit der Idee vom dritten Geschlecht überspringen will? Bettina Fischer widerspricht: Es gehe eben gerade darum, aufzuzeigen, wie geschlechtlich variabel genau diese männlich und weiblich gelesenen Körper seien: «Dieses Element der Freiheit, in der Individualitäten und Geschlechter jenseits körperlicher Merkmale entstehen, das steht im Fokus.»

«Redoing Gender» oder vielleicht sogar eher «Undoing Gender», darum geht es tatsächlich im Stück der bri­tischen Choreografin Caroline Finn, das sie mit den weiblich gelesenen Mitgliedern des Ensembles entwickelte. Ganz unbiblisch geht es in diesem zweiten Teil des Abends, «Double you see», zu und her: Schauplatz sind hier nämlich an öffentliche Toiletten erinnernde Boxen. Die Befreiung aus der engen Kabine binär gelesener Körper vollzieht sich hier tanzend im und vor dem stillen Örtchen.

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