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Kunstgesellschaft Thun

«Theater ist die pure Gegenwart»

Pirkko Busin ist die künstlerische Leiterin der Kunstgesellschaft Thun (KGT) mit dem KKThun als Hauptspielort. Seit vier Jahren ist die Theaterwissenschaftlerin für das Programm des «Theater in Thun» verantwortlich. Im November gehts mit «Acht Frauen» von Robert Thomas weiter.
Pirkko Busin trägt einen schmeichelnden Namen. Sein Klang flattiert der ihn Hörenden um die Ohren wie eine Katze um das Bein des sie Streichelnden. «Pirkko ist finnisch und eine Kurzform des keltischen Namens Brigitta», erklärt die studierte Theaterwissenschaftlerin. Geboren wurde Busin in Zürich, leben tut sie in Bern, arbeiten in der Aarestadt Thun. Heute ist sie künstlerische Leiterin der Kunstgesellschaft Thun (KGT) und Namensgeberin des «Theater in Thun», dessen Bühne sich im Kultur- und Kongresszentrum Thun (KKT) befindet.

Theater geschieht jetzt

«Theater ist eine Kunstform, die sich nicht einfrieren lässt. Sie ist die pure Gegenwart. Dies fasziniert mich.» Seit jeher habe sie nach einem Transportmittel, einer (Ausdrucks-)Form für Kunst gesucht, «die nicht allein Sprache ist». Mit jeder neuen Regisseurin, mit jedem neuen Ensemble werde aus einem bekannten Stück durch die andere Inszenierung wieder ein neues. «Man muss das bekannte Thema jedes Mal wieder neu annehmen.»

«Ich habe eine Vision für Thun!»

Sie sei sehr stolz auf das «Theater in Thun», das sie unter diesem Namen in der Stadt an der Aare etabliert hat. «Wir haben hier kein anderes modern-klassisches Theater, das diese Kunst in Rein­form anbietet.» Klar, es gebe tolle Kleinkunstbühnen, die das Programm bereicherten. In Thun gebe es für 44 000 Einwohnende kein Stadttheater. So fülle das «Theater in Thun» diese Lücke. «Es ist vergleichbar mit einem Stadttheater, weil es ein kuratiertes Schauspiel- und Musiktheaterprogramm anbietet, das mit einem Mehrspartenhaus vergleichbar ist.»

Als sie von der Kunstgesellschaft Thun angefragt worden sei, die künstlerische Leitung des Theaters zu übernehmen, habe sie nicht lange überlegen müssen: «Ich hatte sofort eine Vision für Thun!»

Busin wünscht sich, dass das junge Publikum ins Theater kommt. «Unser Programm ist so breit, toll, tief, klug und auch sexy, dass sich junge Menschen nichts vergeben, wenn sie sich unsere Stücke ansehen.» Das Publikum sei in den vergangenen Jahren bereits jünger geworden, freut sie sich, «da wir explizit Segemente für die Jugend ins Programm einbauen». Das Stück «Umwerfend Standhaft» zum Beispiel, fasziniere sie sehr (siehe Box). «Das Tanz-Theater ist ein Generationenprojekt, das begeistert.» Die Thuner Choreografin Lucia Baumgartner habe das Tanzstück mit 18 nicht professionellen Tanzenden, die von 13 bis 80 Jahre alt seien, erarbeitet. «Ich bin hin und weg von diesem tollen Projekt.» Darin gehe es um relevante Themen, darum, Emanzipation und Selbstermächtigung im eigenen Körper zu etablieren und zu manifestieren. Diese ausdrucksstarke Inszenierung sei weit mehr als ein blosses «Frauenprojekt».

Das Wagnis, 740 Plätze zu besetzen

Da die Kunstgesellschaft ein Verein ist, hat sie es nicht einfach, 50 Prozent der Kosten selbst zu stemmen. «Wir erhalten von der Stadt die anderen 50 Prozent als Subventionen.» Für Busin ist es ein Skandal, «dass generell wenig für die Kultur getan wird». Kultur werde nach wie vor so gehandelt, als sei es selbstverständlich, dass alle – auch sehr gut ausgebildete Menschen – gratis oder fast gratis arbeiteten. «Dazu kommt, dass es sich bei diesen ehrenamtlich Arbeitenden meistens um Frauen handelt.» Busin bemängelt, «dass die Wirtschaft heute noch immer in Männerhand zu liegen scheint, während in der Kultur vor allem Frauen arbeiten – und zwar in den schlechter bezahlten Positionen». Das Stemmen von so hohen Kosten sei für einen Verein enorm. Immer wieder würden Mitglieder aus Altersgründen austreten. Deshalb sei sie vor allem jenen Lehrpersonen verpflichtet, die das KGT in regelmässigen Abständen mit ihren (Gymnasial-)Klassen besuchten. Denn obwohl die Jugendlichen heute ein fast erschlagendes Angebot an Freizeitbeschäftigungen hätten, gebe es engagierte Lehrpersonen, die ihre Theateraffinität weiterzugeben verstünden. Im Saal des KKT gibt es 740 Plätze. «Um diese zu besetzen, braucht es ein Gespür für Stücke, die interessieren.» So sei der Spagat zwischen Jung und Älter nicht einfach. Neben dem Programm gehört der frische, grafische Auftritt zum neuen Konzept der KGT. «Ein Programm am Laufen zu halten ist, sozusagen, wie eine Operation am offenen Herzen.» Es brauche Aufbauzeit, Strukturen müssten geschaffen werden. Zudem sei die ehrenamtliche Arbeit, die von Mitgliedern geleistet werde, unbedingt erwähnenswert. Alle Schauspieltruppen seien professionell. «Theater muss nicht nur intellektuell ernst sein», sagt die Theaterfrau. «Aber es kann. Denn sinnig-sanfter Humor ist zugänglich intellektuell.» Ihr mache es Spass, ein Programm zusammenzustellen, das alle Aspekte abzudecken vermöge. Ob Drama oder Komik, ob tiefsinnig, anspruchsvoll oder leichter zugänglich. Deshalb brauche es ein Gespür für andere Affinitäten. «Es geht nicht darum, nur einzukaufen, was mir selbst gefällt. Ich bin nicht zur Selbstverwirklichung hier», unterstreicht sie. Und zitiert ihr Lieblingszitat von Novalis: «Das Theater ist die tätige Reflexion des Menschen über sich selbst.» Das Schauspiel habe geistige, sinnliche und seelische Anteile.

Leidenschaftliche Gender-Forscherin

Neben Theaterwissenschaften studierte Pirkko Busin «Gender-Studies». Ein breites Feld, worüber sie gern spricht, weil sie das aktuelle Thema auch im Alltag umtreibt. Warum zum Beispiel reagieren manche Menschen verunsichert, wenn sie einem homo­sexuellen Paar oder einem transgender Menschen begegnen? «In unserer Kultur lernen wir bereits als Kleinkinder, wie wir uns gegenüber dem anderen Geschlecht zu verhalten haben.» Dies gehe sehr subtil und oft unbewusst vonstatten. Selten verhalte sich jemand bei beiden Geschlechtern gleich. «Wir benehmen uns, oft unbewusst, als Frau bei Männern so und bei Frauen anders.» Die Männer täten das Gleiche «etwas anders» bei Frauen. Begegne uns nun jemand, der den gewohnten Kategorien von Mann oder Frau im Zusammenspiel mit dem angelernten Verhalten nicht entspreche, so seien wir irritiert. «Weil unser Unterbewusstsein eben kurz nicht weiss, welches Muster es abrufen soll.» Das «Problem» rühre also einzig und allein von der eigenen Verunsicherung in Bezug auf das unbewusst antrainierte Verhalten her. «Deshalb ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass es im Leben weit mehr als ein paar Schubladen gibt, auf die man seine Mitmenschen verteilen kann.»

Sie sei gern eine Frau, ergänzt sie und fügt an: «Das Theater ist der perfekte Ort, um über Geschlechterrollen nachzudenken. Denn hier kann das in einem Konsequenzen vermindernden Rahmen geschehen.»

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