mitgliederwerden grey iconMitglied werden
Archiv
Filigran-flüchtiger Tanz.© Christian Glaus
Tojo Theater Reitschule, Bern

Metaphorik des Kartons

Die Berner Compagnie T42dance zeigt im Tojo Theater in der Reitschule «POPuP – Mono No Aware»: Ein poetisches Tanzstück über die Flüchtigkeit der Gesellschaft.

Sie ploppen auf und sind, kaum hat man sie auf der mentalen Karte gespeichert, schon wieder aufgelöst, weggeploppt. Die Rede ist hier nicht von Pusteln, sondern von hyperflexiblen und kurzfristigen Pop-ups in Form von Läden, Restaurants, Bars und dergleichen. Das Popup-Prinzip ist ein höchst zeitgeistiges: Das Geschäft geht zum Kunden, ist anpassungsfähig. Damit wird aber das geschwächt, was der Mensch braucht, um zu existieren: Beständigkeit, Sicherheit, ein Ort der Ruhe und Pause.

 

Formwandelnde Wände

In einer kartonfarbenen, also recht eintönigen Welt befinden sich fünf Menschen, die von Karton- und Schachtelwänden oder Fensterfronten eingezäunt werden. Auch sind da plötzlich Hände, die alles steuern und fremdbestimmen. Aber vor allem sind da Kartonwände – ein choreografisch gelungener Kunstgriff –, die wie Menschen zittern, dann übermenschlich ihre Form wandeln, die Menschen verschwinden lassen, eckige Formen annehmen und vor allem ihr Tun kanalisieren. Sie sind kartongewordene, überall aufploppende Rahmenbedingungen, nicht immer spürbar, aber eben wegweisend. Sie sind Barriere, Grenze, abgesteckter Pfad – und in dem Sinne wohl auch Schicksal. Und sie haben auch poetischen Charakter.

Poesie des Flüchtigen

Zu aufputschender Stakkato-Musik von Yves Ribis hebt die Berner Tanzcompagnie T42dance um Félix Duméril und Misato Inoue das Phänomen Pop-up auf eine abstrakt-tänzerische Ebene. Dazu bringt sie im Stück «POPuP – Mono No Aware» einen japanischen Ausdruck ins Spiel. «Mono No Aware» bedeutet nämlich «die sanfte Empfindsamkeit des Unbeständigen». Der Begriff streicht also eine Schönheit oder Poesie hervor, die gerade dieses Vergängliche, Flüchtige erzeugt.

Modernes Söldnertum

Auch Tanz ist eine äusserst flüchtige Kunstform, die sich nicht bis ins Detail festschreiben lässt, einer Notation widerstrebt. Tanz lebt von seinen Interpret*innen, von Improvisation und letztlich von einem Pop-up-Spirit. Und: Auch das Dasein von Tanzschaffenden ist geprägt von maximaler (und prekärer) Flexibilität, die einem modernen Söldnertum gleicht. Selten bleiben Tänzer*innen länger als ein paar Jahre in einem Ensemble.

Bei T42dance project ist nebst Inoue und Duméril, der erst unter Martin Schläpfer in Bern tanzte und dann von 1999 bis 2004 als Ballettdirektor und Hauschoreograf tätig war, ein weiterer stadtbekannter Tänzer zu sehen: der Japaner Norikazu Aoki, der zwischen 2013 und 2018 im selben Ensemble tanzte, wo er immer wieder mit starken Soloparts aufgefallen ist.

Events zu diesem Artikel

Keine Veranstaltungen

Folgen Sie uns

Anmeldung Newsletter

Wetter in Bern

laden