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Bei Roger Fähndrich kann man das eigene Unbehagen zertifizieren lassen.© Benina Hu
Diverse Orte, Bern

Kunst als Kummerkasten

Der Künstler Roger Fähndrich hat mit seinem Projekt «The Center of Negativity» am Theater­festival Auawirleben ein offenes Ohr für die Besuchenden.

Unliebsame Emotionen wie Angst, Trauer oder Wut waren schon immer Triebfedern für Kunstschaffende. Am diesjährigen Theaterfestival Auawirleben kann man im Rahmen des Projektes «The Center of Negativity» die eigenen Gefühle platzieren, beziehungsweise mit dem Künstler und Performer Roger Fähndrich ein Einzelgespräch führen. Dadurch sei es möglich, durch den künstlerischen Blickwinkel ein neues Licht auf das eigene Gefühlsleben zu werfen, so der gebürtige Solothurner, der seit drei Jahren in Belgien lebt.

Fähndrich, der auch Filmer und Singer-Songwriter ist, drückt seine eigenen negativen Gefühle unter anderem in seinen Liedern aus. «I wish everything would be normal» – ich wünschte, alles wäre normal – heisst es etwa in einem seiner Lieder. «Ich versuche stets, meine eigenen Gefühlszustände in einen grösseren Zusammenhang zu stellen», so der Künstler. Er selbst habe eine längere Phase gehabt, in der er sich verloren gefühlt habe, wie er es ausdrückt. Unter anderem habe ihm das manchmal prekäre Künstlerleben zu schaffen gemacht. Während des Lockdowns schrieb er schliesslich seine Schlussarbeit an der Kunsthochschule KASK, die er in der belgischen Stadt Gent besucht hat. Daraus entstand das Projekt «The Center of Negativity». Nachdem er es in Gent und Langenthal bereits durchführte, bringt er es nun nach Bern.

Zertifiziertes Unbehagen

Fähndrich wird während des Theaterfestivals in einem Holzhäuschen auf dem Waisenhausplatz sitzen und seine Gäste empfangen. «Die dort geführten Gespräche sind vertraulich», verspricht er. Das Angebot ist kostenlos, wobei man sich allerdings vorab online einen Termin reservieren muss. Nun gilt es zwischen verschiedenen Formaten zu wählen, die Fähndrich im Vorfeld des Gespräches kurz erklärt. So kann man sich für «ein Diplom», «eine Vereinbarung» oder «ein Portfolio» entscheiden. Bei Letzterem dient eine Liste mit unangenehmen Gefühlen als Ausgangslage, während einem beim Diplom gewissermassen das eigene Unbehagen zertifiziert wird. Der zuletzt entstandene Text schickt Fähndrich den Mitmachenden am Ende per Mail zum Gegenlesen.

Was das mit Theater zu tun hat? «Im Theater geht es um Katharsis», so der Performer. Das sei hier auch der Fall. «Auf das, was im Theater geschieht, reagiert das Publikum mit Gefühlen.» Seine bisherige Erfahrung mit dem Stück zeigte Fähndrich vor allem eines: «Jeder Mensch ist total anders.» Ausser, dass das Christentum mit seinen Ideen von Schuld und Selbstkasteiung bei vielen Leuten immer noch eine Rolle spiele, habe er merken müssen. In Bern wird es einen Abschlussmoment geben, an dem die entstandenen Texte öffentlich auf Englisch, Deutsch und in Gebärdensprache von den Mitmachenden – falls diese das wünschen – vorgelesen oder in anderer Form geteilt werden.

Kollektive Psychotherapie? «Ich verschreibe nichts und verspreche keine Heilung», so Fähndrich. Kunst und Leiden – das beschäftigt den Künstler schon länger. «Es gibt eine Wechselwirkung zwischen den beiden», ist er überzeugt.

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