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Luc Müller suchte gemeinsam mit Sylvia Garatti für ihre Idee den passenden Regisseur.© Yoshiko Kusano
Progr, Estrich West, Bern

Im Garten der Träume

Ein magisches Stück über die Macht der Vorstellungskraft: Das Zweipersonenstück «Haus der Angst» schöpft aus Leben und Werk der Surrealistin Leonora Carrington. Gespielt wird es im Estrich des Progr – ein stimmiger Ort für den traumhaft-dämmerigen Stoff.

Sylvia Garatti und Luc Müller machten es für einmal umgekehrt: Statt darauf zu warten, für eine Theater­produktion angefragt zu werden, gingen die zwei Schauspieler*innen auf den Regisseur ihrer Wahl zu – mit einer losen Auswahl an Themen, aus denen sie mit ihm ein Stück entwickeln wollten. «Unsere Stichworte waren Patriarchat, eine starke Frauenfigur, Beziehungen, Identität, Geschlechterrollen. Wir hatten nicht einmal eine Stückvorlage, aber den starken und intuitiven Wunsch, zu diesen Themen zusammenzuarbeiten» erinnert sich Luc Müller.

Wunschregisseur Niklaus Helbling liess sich darauf ein, und schrieb «Haus der Angst» auf Müller und Garatti zu: Ein Stück, das im blühenden Garten einer Psychiatrie beginnt, und bald schon zu einer bizarren Kopfreise mutiert, in der die Grenzen zwischen Wachheit und Traum, Realität und Wahn verschwimmen. In diesem magisch-realistischen Kosmos nehmen Müller und Garatti in ovidischer Manier immer neu Gestalt an, und verhandeln in pointierten Dialogen und luziden Situationen ihre Identität: Mal sind sie Mensch, mal Fabeltier, mal Mann, mal Frau, mal weder noch. Angelehnt sind die surreal-assoziativen Episoden an die Autobiografie und drei Kurzerzählungen, (eine davon die titelgebende, «Haus der Angst»,) der surrealistischen Künstlerin Leonora Carrington. Die 1917 in Grossbritan­nien geborene Carrington verliess ihre Heimat und das grossbürgerliche und strenge Elternhaus mit Anfang 20 Richtung Paris, begegnete dort Max Ernst, lernte auch Joan Miró und André Breton kennen, verehrte CG Jung, und schuf Gemälde, Plastiken, Geschichten und Theatertexte. Die Kriegswirren setzten ihr zu. Nach einem körperlich-psychischen Zusammenbruch und Psychiatrieaufenthalt in Madrid liess sie Europa in den 1940er-Jahren hinter sich und lebte bis zu ihrem Tod 2011 in Mexiko-Stadt.

Nicht nur in Bern, auch anderswo erlebt Carrington, die lange im Schatten ihres berühmten Partners Max Ernst blieb, eine Wiederentdeckung: Die aktuelle Biennale in Venedig, die über 90 Prozent weibliche Kunst zeigt, trägt den Titel «Milk of Dreams», angelehnt an das gleichnamige Buch Carringtons, das eine Welt beschreibt, in der das Leben durch ein «Prisma der Vorstellungskraft» immer wieder neu erfunden wird.

Dass Regisseur Helbling Leonora Carrington ins Spiel brachte, war für Sylvia Garatti eine wunderbare Fügung: «Sie hatte den Mut, den Stimmen in ihrem Kopf Gehör zu schenken und sich ihrer Angst zu stellen: Das machte sie so verletzlich wie kreativ.» Carrington sei ihrer Zeit voraus gewesen, betont Luc Müller: «Mann oder Frau, Mensch oder Tier, oben oder unten: alle diese dualen Kategorien, mit denen wir bis heute im Alltag funktionieren, zählten für sie nicht. Ihr Kosmos war divers und in ökologischer und feministischer Sicht visionär.»

Sylvia Garatti fügt hinzu: «Leonora Carrington psychologisierte sich nicht, sondern schöpfte aus ihren Erlebnissen. Sie ist damit ein Vorbild für weibliche Selbstermächtigung.»

Nicht nur die spürbare Nähe der Schauspieler*innen zur Figur ist bemerkenswert, auch der unkonventionelle Aufführungsort ist es: Gespielt wird im Estrich West des Progr, «im Oberstübchen des Kulturhauses», wie Garatti lacht. Ein schummrig-verwinkelter Raum. Wie Traummaterial. Wie für das Stück gemacht also.

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