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Hält wenig von «sogenannten Handlungsballetten» – Estefania Miranda, Direktorin Tanz bei Konzert Theater Bern.© ZVG
Stadttheater Bern

«Ich wollte keine Ballerina im rosa Tutu werden»

Estefania Miranda ist Choreografin und Direktorin Tanz bei Konzert Theater Bern. In ihrer neusten Produktion, frei nach «La Divina Comedia» von Dante Alighieri, entführt sie das Publikum in die Hölle.


Es wird gesprungen und gerungen – die Mittagspause ist vorbei. Im Tanzstudio in Köniz übt das Tanzensemble von Konzert Theater Bern, wie man sich im Paradies, im Fegefeuer oder in der Hölle bewegt. Denn die nächste Produktion spielt genau an solchen (Un-) Orten.
Die Choreografin und Tanzchefin Estefania Miranda inszeniert im Stadttheater ein abendfüllendes Stück frei nach «La Divina Comedia» von Dante Alighieri (1265–1321). Dazu hat Miranda sich ein spektakuläres Bühnenbild ausgedacht. Das ganze Stadttheater wird von einem über­dimensionalen menschlichen Körper besetzt.

«Das Herz liegt im Orchestergraben. Der Kopf mitten auf der Bühne», verrät die Tanzchefin. Im ersten Teil werden die Zuschauer in Gruppen aufgeteilt und von Tänzerinnen durch verschiedene Tanzinstallationen geführt; dabei begegnen sie unter anderem den Todsünden. «Man wird dem Stück nicht ansehen, dass es unter Corona entstanden ist», sagt Estefania Miranda. Für ihre «Divina Comedia» werden 17 Tänzerinnen und Tänzer ohne Masken auf der Bühne stehen.

Irdisch statt göttlich

Warum dieser Riesenmensch, dessen Fuss ganze sieben Meter misst? «Mich hat der Blick in den Menschen hinein, nicht die Perspektive hoch zu einem Gott interessiert», so die Choreografin. In unserer Welt gebe es viele verschiedene Höllen und Paradiese, sie seien irdisch und vom Menschen geschaffen.
Die 1975 in Chile geborene Tanzchefin war bis zur Taufe katholisch. «Dann habe ich aufgehört», gesteht sie lachend. Ihre psychologische Deutung von Dantes Werk solle Gläubige wie Nicht-Gläubige ansprechen. Das Werk brauche ein musikalisches Gewicht. Das Berner Symphonieorchester werde Stücke von Arvo Pärt und Philip Glass spielen. Sowohl der estnische Komponist Pärt wie auch der US-amerikanische Glass seien Minimalisten und Vertreter der Neuen Musik. Sie habe das Projekt schon lange in der Schublade, sagt Miranda. «La Divina Comedia gehört, zusammen mit der Bibel und dem Ilias von Homer, zu den wichtigsten Werken der Weltliteratur.»

Die Herausforderung liege darin, die Essenz dieses opulenten Werkes zusammenzufassen, um daraus ein Tanzstück zu machen. Von sogenannten Handlungsballetten halte sie wenig. Als Miranda 2013 bei Konzert Theater Bern anfing, strich sie als erstes den Begriff «Ballett» und machte mit der Tanzproduktion «Zero» von Nanine Linning deutlich, dass nun eine neue Ära beginnen würde.

Kein Heimweh

Als Miranda selbst anfing zu tanzen, war der Begriff «Tanztheater» in Lateinamerika noch nicht geläufig. Sie hatte als Teenager im Goethe­Institut einen Film über die deutsche Tanzikone Pina Bausch (1940 – 2009) gesehen und war begeistert. «Ich wollte keine Ballerina im rosa Tutu werden», so Miranda. Das klassische Ballett sei ihr zu unfrei und unpersönlich gewesen. Sie war gerade 15 Jahre alt, als sie beschloss, Tänzerin zu werden und dafür nach Europa auszuwandern. Für ihr grossbürgerliches Elternhaus war das erst mal gewöhnungsbedürftig. «Die künstlerische Ader habe ich von meiner Grossmutter geerbt. Sie wäre gerne Pianistin geworden», erinnert sich Miranda. Heimweh habe sie im schottischen Edinburgh, wo sie ihre Ausbildung begann, nicht gehabt. «Es war alles so aufregend.» Sie studierte schliesslich an der Hochschule der Künste im niederländischen Tilburg Tanz. «Die Schule gefiel mir, weil sie auf Individualität achtete und tanzwissenschaftliche Aspekte wichtig waren», so Estefania Miranda.

Bei einem Choreografie-Wettbewerb, bei dem sie selbst ein Stück entwickelte und mittanzte, wurde der in der Jury sitzende brasilianische Choreograf Ismael Ivo auf sie aufmerksam. Er holte sie nach Deutschland, wo sie ein festes Engagement in der renommierten Ismael Ivo Com­pany am Deutschen Nationaltheater Weimar erhielt. Miranda spricht akzentfreies Deutsch. Es liege wohl an einer Mischung aus gutem Gehör für Sprachen, wenig Schamgefühl und einer schnellen Auffassungs­gabe, so Estefania Miranda.

Schöner Bühnentod

Zeitgleich zu ihren Engagements, zuerst als Tänzerin und dann als Schauspielerin in Weimar, arbeitete Miranda unter anderem mit dem Theater­regisseur George Tabori (1914–2007) an der Schaubühne Berlin. Dort hatte sie später auch ihre eigene Compagnie und ihr Studio, zu dem das erste biologische Café Berlins gehörte. «Ich habe mich als Tänzerin und Schauspielerin ausgetobt», so Miranda im Rückblick.

Die Rolle der leichtlebigen Marie aus «Woyzeck» spielte sie mit lateinamerikanischem Akzent und viel Lust. «Ich bin auf der Bühne einen dramatischen Tod gestorben. Es regnete Blut auf mich.» 2009 wurde sie von der Performancekünstlerin Marina Abramovi´c gecastet, die gemeinsam mit Ismael Ivo ein Projekt in Paris leitete. «Die sind beide sehr extrem». Doch sie sei fasziniert gewesen, wie in dieser Produktion «das reine Sein auf der Bühne» praktiziert wurde. Mit ihrer Compagnie hat Miranda einmal eine Übung gemacht, die sie vonAbramović übernommen hatte. Alle mussten nebeneinander stehen, nach vorne schauen und durften nicht blinzeln. Es habe etliche Tänzerinnen und Tänzer gegeben, die angefangen hätten zu weinen, die Gesichter hätten angefangen Geschichten zu erzählen, ohne dass jemand gesprochen habe.

Haut als Grenze

Das Zwischenmenschliche ist in allen Choreografien Mirandas von grosser Bedeutung. Der Roman «Ausweitung der Kampfzone» von Michel Houellebecq diente ihr als Grundlage für ein Stück, das die Einsamkeit in Grosstädten thematisierte. «Ich liebe ihn», sagt sie über den umstrittenen französischen Skandalautor und zitiert auch gleich – auf Englisch – den Schlusssatz des Romans. Darin gehe der Held in den Wald und stelle fest, dass seine Haut eine schmerzliche Grenze zur Aussenwelt markiere.

Eine Grenze gibt es auch für die probende Compagnie. Im Tanzstudio tanzen die Tänzerinnen und Tänzer innerhalb einer auf den Boden gezeichneten Silhouette. Es ist der Kopf Dantes, der bald als Teil des Bühnenbildes im Stadttheater zu sehen sein wird. Und es ist natürlich auch der Kopf Mirandas, der sich die Choreografie des Höllenspektakels ausgedacht hat.

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