mitgliederwerden grey iconMitglied werden
Mathias Behrends: «Im Fremden findet man sich besser.»© ZVG
Hochschule der Künste Bern

«Die ‹Zauberflöte› ist eine Zumutung»

Mathias Behrends unterrichtet an der Hochschule der Künste und inszeniert Opern überall auf der Welt. Im Gespräch erzählt er, wie er unterrichtet und wer ihn als Regisseur geprägt hat.

An sein erstes Konzerterlebnis kann er sich lebhaft erinnern: Mathias Behrends war im Kindergartenalter als ihn seine Mutter, anstelle des verhinderten Vaters, ins Konzerthaus in Leipzig mitnahm. «Sie wollte nur für den ersten Teil bleiben, für das Klavierkonzert von Beethoven», so der gebürtige Ostdeutsche. Als sie gehen wollte, habe er gesagt, dass er aber gern bleiben möchte. «Das zweite, moderne Konzert des russischen Komponisten Schostakowitsch beeindruckte mich sehr», so Behrends. Die Liebe zur Oper sei etwas später dazugekommen.

Seit 16 Jahren nun leitet Behrends den künstlerischen und pädagogischen Studiengang «Oper» an der Hochschule der Künste in Bern. Er hat überall auf der Welt Opern inszeniert und ist mit einer kroatischen Opernsängerin verheiratet, mit der er eine vierjährige Tochter hat. «Unser Lebensmittelpunkt ist in der Schweiz», so Behrends, der mit seiner Familie in Belp lebt.

«Ich unterrichte die szenische Darstellung in den Opernszenen», beschreibt er seine Lehrtätigkeit. Dabei sei es ihm wichtig, die Studierenden – alles angehende Sängerinnen und Sänger – in für sie fremde Situationen zu bringen. «Im Fremden findet man sich besser.» Dieses Out-of-the-box-Denken ist ihm wichtig. Auch wenn er selbst inszeniere, gehe es ihm darum, hinter die Fassaden zu blicken. «Wenn ich eine klassische Liebesszene anschaue, stelle ich mir die Frage, ob da nicht noch etwas ganz anderes dahinter stecken könnte.» Dass dieser Ansatz zu unkonventionellen Produktionen führt, versteht sich von selbst. «Ich bin der Meinung, dass es Regietheater schon immer gab», so Behrends über den zum Teil bis heute abwertend gebrauchten Begriff, etwa wenn ein Regisseur eine Barockoper in die Gegenwart überträgt.

Behrends studierte in den Neunzigerjahren in Berlin bei Ruth Berghaus (1927-1996), einer Theater- und Opernregisseurin, die das Musiktheater revolutionierte. Sie selbst habe Oper dumm gefunden, bis sie herausgefunden habe, dass es auf das «wie» ankomme, so Behrends. Auch der Dramaturg Klaus Zehelein, dem er assistierte, habe ihn geprägt, da er es schaffte, in der eher konservativen Stadt Stuttgart, dem Publikum avantgardistisches Musiktheater schmackhaft zu machen.

Inszeniertes Flüchtlingsdrama

Mit einer Abschlussproduktion der HKB entfernte sich Behrends letztes Jahr, gemeinsam mit seinen Studierenden, weit weg von der Vorlage. «Es ging um eine italienische Komödie, die mich nicht besonders reizte, aber gute Passagen für die Sängerinnen und Sänger enthält.» Es gebe einen klischierten, notgeilen Typen im Stück, der von einer jungen, attraktiven Frau übertölpelt werde. «Wir haben eine andere Geschichte erzählt», so Behrends.

Aus der ursprünglichen Story wurde ein Flüchtlingsdrama, wobei Behrends für die Bühne mit dem deutsch-syrischen Künstler Manaf Halbouni zusammenarbeitete. Dieser schuf im Stadttheater Biel eine Installation aus Surfbrettern und zusammengeschnürten Habseligkeiten. «Es wurde eine sehr rasante, starke Produktion, da allen das Thema unter den Nägeln brannte.» Die künftigen Opernsängerinnen und -Sänger fördere er jeweils sehr individuell. Er selbst sei zwar kein Schauspieler, verfüge aber über Schauspielerfahrung. «Ich wurde einst als Samiel in der Oper ‹Der Freischütz› besetzt», so Behrends. Es sei eine reine Sprechrolle gewesen. «Ich war der Typ, der das Böse anstrebt, dabei aber immer lächelt», so Behrends über diese teuflisch-ambivalente Figur. «Es hat mir grossen Spass gemacht». Doch er habe auch gemerkt, dass ihm die Regie mehr liege. «Ich wollte von Anfang an das Ganze machen.»

Barockoper in Singapur

Um ein guter Regisseur zu sein, müsse man die Partitur lesen und interpretieren können, ist Behrends überzeugt. «Manchmal sagt das Libretto etwas ganz anderes als die Musik.» Gerade dies ergebe die spannenden Momente. In Singapur präsentierte Behrends als erster die Barockoper «Dido und Aeneas» von Purcell. Da das Stück nicht abendfüllend ist, schlug man ihm vor, einen zweiten Teil mit Musik des gleichen Komponisten zu gestalten. «Das fand ich nicht so spannend.» Stattdessen konfrontierte Behrends das Publikum mit Musik von Charles Ives, einem Komponisten des 20. Jahrhunderts. Das Singapurer Publikum habe in der anschliessenden Diskussion interessanterweise nicht nach dem warum, sondern nach dem wie gefragt.

Auch in Zagreb hat Behrends regelmässig inszeniert. Durch seine kroatische Frau fühlt er sich mit der Stadt auf besondere Art und Weise verbunden. «Mir gefällt die Intensität der Farben im Ausdruck», so der Regisseur über die dortigen Sängerinnen und Sänger. Klar, Oper sei ein teures Vergnügen. Doch sie sei keineswegs nur etwas für alte Leute. Er selbst stelle sich manchmal die Frage: «Braucht es wirklich immer diesen Riesenapparat?» Mit der Frage, was Oper sei, wenn sie nicht so gross gedacht werde, setzt er sich auch mit seinen Studierenden auseinander. Im thematischen Schwerpunkt «Natur und Oper» ging es um aktuelle Fragen der Themen wie Nachhaltigkeit und Umweltzerstörung.

Bis zum dümmsten Witz

Nach seiner Lieblingsoper gefragt, besteht Behrends auf drei Nennungen. «Der Wagner geistert mir durch den Kopf. ‹Tristan und Isolde›», sagt er schliesslich als Erstes. Er nennt auch «Alcina» von Händel und schliesslich «Die wundersame Schustersfrau» von Udo Zimmermann. Dass es drei Opern aus ganz unterschiedlichen Epochen sind, passt zu Behrends Haltung, dass es auf das «wie» ankommt. Die Studierenden täten sich gemeinhin schwerer mit zeitgenössischen Produktionen, da dies oft unkonventionelles Proben miteinschliesse. Bleibt nicht Mozarts «Zauberflöte», die Oper aller Opern? «Zum Inszenieren ist die ‹Zauberflöte› eine Zumutung», so Behrends. Das Spektrum reiche von höchster Philosophie bis zum dümmsten Witz. Das mache das Genie Mozarts aus, aber «Händel ist für mich genauso wichtig.»

Seine Tochter verstehe bereits, dass Oper etwas Tolles und Wichtiges sei. «Sie hat das von Anfang an mitbekommen, auch weil ihre Mutter zu Hause probt.»

Dass Opernsängerinnen Diven und Opernsänger dick seien, sei ein längst überholtes Klischee. «Aber klar, ein bisschen verrückt ist dieser Beruf schon. Verrückt, im positiven Sinne.»

www.hkb.bfh.ch

Anmeldung Newsletter

Wetter in Bern

laden