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Seit August bei Bühnen Bern: Roger Vontobel und Felicitas Zürcher.© ZVG / Sandra Then
Bühnen Bern, Stadttheater

«Das Theater gehört euch!»

Seit August hat das Schauspiel bei Bühnen Bern eine neue Leitung. Schauspieldirektor Roger Vontobel und Chefdramaturgin Felicitas Zürcher setzen auf Nahbarkeit und auf analoge Begegnungen, die die einzelnen Bubbles sprengen.

Roger Vontobel, Felicitas Zürcher, Sie blicken nun auf die ersten 100 Tage der neuen Spielzeit in Bern zurück. Ein guter Einstand?
Roger Vontobel: Das müssen Sie eigentlich das Publikum fragen. Aber ich würde sagen, ja, wir sind zufrieden. Die Häuser konnten nach dem Lockdown wieder öffnen – was nicht selbstverständlich war –, wir konnten schöne Inszenierungen zeigen und die Leute kamen. Noch etwas zögerlich, aber umso herzlicher!

Sie waren beide länger in Deutschland, arbeiteten bereits in Düsseldorf und Dresden zusammen. Was bewog Sie eigentlich, nach Bern zu kommen?
RV: Felicitas! Sie war ja schon Mitte der 2000er-Jahre in der Ära Eike Gramss Schauspiel- und Tanz-Dramaturgin hier am Stadttheater. Als die Anfrage aus Bern zur neuen Leitung im Raum stand, fragte ich sie nach ihrer Meinung. Sie hat mich überzeugt, dass Bern ein guter Ort ist.

Und nun sind auch Sie wieder hier, Felicitas Zürcher.
Felicitas Zürcher: Ja. Und Bern ist kulturell sogar noch offener, als ich es in Erinnerung hatte. Da sind so viele interessante Orte und es ist unheimlich viel los.

Ihr aktuelles Saisonprogramm reicht vom Schillerklassiker «Maria Stuart» bis zur Performance «Tuntschi», einer Alpfantasie zwischen alter Sage und feministischer Groteske. Gibt es eine Linie, die Sie verfolgen?
RV: Die Vielfalt ist unsere Linie. Wir verfolgen einen holistischen Ansatz. Will heissen: Wir wollen möglichst alle mit unserem diversen Angebot ansprechen. Dazu setzen wir auf Nahbarkeit.

Was bedeutet das konkret?
FZ: Unsere Stücke sind verständlich, sie sind nicht zu abgehoben, da ist eine klare Handlung, die zwar fordern darf, aber niemand soll ab­gehängt werden. Wir machen weder abgehobenes Avantgardespiel noch Schockertheater mit Tabubruch.
RV: Unser Ziel ist, dass sich das Publikum in Beziehung setzt mit dem Geschehen auf der Bühne, damit fassbar wird, dass Bühne und Leben mit­einander zu tun haben.

Spielt ein Schillerdrama nicht ziemlich weit weg vom Leben der Menschen heute?
RV: Auf den ersten Blick ein alter Stoff. Doch das Spiel handelt von Macht, Intrigen und der Unsicherheit, was nun wahr ist und was nicht: durchaus ein Thema der Bundesstadt, durchaus ein Thema in Zeiten von Fake News. Ich will einem möglichst breiten Publikum diesen Zugang zu Klassikern eröffnen.
FZ: Die Nahbarmachung der Stoffe ist das eine. Daneben setzen wir aber auch auf nahbare Formen, etwa auf das mobile Schauspiel, das an Orte im ganzen Kanton reist. Und wir haben die Vidmarhallen umgestaltet. Neu gibt es eine Agora, einen Forumsplatz, wo sich die Zuschauer*innen vor und nach dem Theaterbesuch austauschen können.

Sie setzen auf Augenhöhe. Für viele ist aber gerade das Stadttheater der elitäre Ort Berns schlechthin.
FZ: Ja, aber zu Unrecht! Klar, das Stadttheater ist ein repräsentativer Bau, gebaut in einer anderen Zeit, als das Berner Bürgertum sich im verspiegelten Foyer feierte – eine Hemmschwelle für viele. Aber diese Exklusivität ist längst passé: Wir wollen die Türen für alle weit öffnen. Dazu bieten wir Spielclubs in der Mansarde oder kostenlose Einführungsmatinées, an denen Neugierige willkommen sind. Unsere Botschaft ist: Das Theater gehört euch!

Dennoch: Ein Opernbesuch kostet gut und gern über 100 Franken. Das liegt weit über der Schmerzgrenze vieler Berner*innen.
FZ: Man kann teure Karten kaufen, das stimmt. Aber es gibt unterschiedliche Preisklassen und ein ausgefeiltes Rabatt-System. Ein Theaterbesuch bei Bühnen Bern muss nicht teurer sein als der Kinoeintritt oder die Vorstellung eines Kleintheaters.

Über den Preis der Kultur wird auch politisch debattiert. Die Stadt spart in den kommenden Jahren. Spüren Sie einen Rechtfertigungsdruck?
RV: Kultur ist nicht einfach Service public. Sie hat die Aufgabe, Gesellschaft und Politik zu spiegeln, zu überprüfen und sogar Infrage zu stellen – wie wollen wir überhaupt leben? Die Pandemie und das beginnende Versagen des Dialogs zeigen, dass die Öffentlichkeit diese Auseinandersetzung dringend nötig hat.
FZ: Und genau das bietet das Theater – Öffentlichkeit. Es ist eine durch und durch analoge Kultur, ein physischer Ort, an dem Leute zusammenkommen, ein «shared space». Eine Alternative zu den vielen Bubbles heute. Ein Ort, an dem verhandelt wird, wer wir sind.

Die Berner*innen lieben das Lokale. Jürg Halter etwa schrieb für Ihre Vorgänger Stücke fürs Stadttheater. Suchen auch Sie die Nähe zur etablierten Szene?
RV: Ja und nein. Wir wollen klar eine eigene Handschrift entwickeln. Dazu gehört, auch mit Berner Autor*innen zu arbeiten, die noch nicht so bekannt oder eher untypisch sind. Tom Kummer ist so einer, sein Buch «Von schlechten Eltern» zeigen wir in dieser Saison erstmals als Stück. In den kommenden Spielzeiten werden wir das fortsetzen, neue Blicke und Stimmen zu fördern.
FZ: Ich finde, dass es wichtig ist, den Blick darauf zu öffnen, wer oder was eigentlich dieses Bern ist. Die Identitäten der Menschen, die hier leben, sind ja auch nicht mehr einfach lokal. Mir ist wichtig, diesen Blick dahingehend zu weiten.

Haben Sie ein bestimmtes Stück im Kopf?
FZ: Es gibt da dieses Stück «Jugojugoslavija» von Bonn Park, das in Belgrad uraufgeführt wurde, es benutzt die Utopie Jugoslawien – eine Art paradiesischer Vielvölkerstaat, der Schweiz nicht unähnlich – als Folie und zeigt, wie das in einen Alptraum umschlägt. Viele Schweizer*innen heute haben in der Region ihre Wurzeln und eine Geschichte, die dort beginnt.
RV: Wir setzen nicht auf «Heimeligkeit», sondern wollen auch Neues nach Bern bringen. Mein Eindruck ist, dass die Berner*innen sehr neugierig darauf sind. Das Klischee, dass sie engstirnig sind, kann ich nicht bestätigen.

Dann hat man Sie freundlich willkommen geheissen?
RV: Und wie. In den Medien war der Abschied und Abgang der vorherigen Schauspielleitung zwar noch länger Thema, da war viel Nostalgie. Doch persönlich, mit dem Publikum, spüre ich sehr viel Interesse und Zuspruch. Eine grosse Herzlichkeit, die uns da entgegenkommt. Das ist toll.
FZ: Der Schwumm in der Aare hat uns zudem zu Berner*innen gemacht.

War Ihr erster Berner Sommer nicht zu verregnet?
FZ: I wo! Als wir im August hier anfingen, war es warm. Die Lorrainewiese wurde zum Schauspiel-Bern-Treff. Was für ein schöner Ort, um hier wieder anzukommen.

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