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Kurator und Kunsthaus-Interlaken-Leiter Heinz Häsler in der nachgebauten Bar Aubette von Sophie Taeuber-Arp.© ZVG
Kunsthaus Interlaken

«Wo es keinen Ort zum Bleiben gibt, kann keine Identität entstehen»

Kunsthaus Interlaken: Heinz Häsler war vierzig Jahre lang Kunstlehrer am Gymnasium Neufeld in Bern und ist seit zehn Jahren Leiter des Mehrspartenhauses in Interlaken. Der Kurator, der 2013 den Kulturvermittlungspreis des Kantons Bern gewann, kennt sich aus in Kunst und Architektur und zeigt im Kunsthaus Werke von internationalem Rang – von nationalen Kunstschaffenden bis hin zu Grössen wie Picasso.

Heinz Häsler, wie kamen Sie zur Leitung des Kunsthauses Interlaken?
Kunst interessiert mich seit jeher. Lange schon bevor es das Kunsthaus Interlaken gab, war ich Mitglied der Kunstgesellschaft Interlaken. Es gab damals kein Haus, in dem wir regelmässig Kunst ausstellen konnten. Wir stellten die Werke der Kunstschaffenden an diversen Orten im Raum Bödeli aus. Wo es aber keinen Ort zum Bleiben gibt, kann keine Identität entstehen. Mitglieder der Kunstgesellschaft, die es seit 1944 gibt, hatten die Idee, ein Haus dafür zu erwerben oder zu bauen.

Dies war bestimmt kein einfaches Unterfangen?
Nein, ganz und gar nicht. Es dauerte viele Jahre. Die Kunstgesellschaft hatte kein Geld. Doch wir waren ein starkes Team, konnten die Gemeindevertreterinnen und -Vertreter und andere mit Überzeugungsarbeit für die Idee begeistern und fanden kürzlich auch in der Raiffeisenbank Jungfrau, Interlaken, einen starken Partner. Die Gemeinden sind uns nach wie vor sehr wohlgesinnt. Packen gar mal mit an. Wir haben ein gutes Beziehungsnetz.

Seit wann gibt es das Kunsthaus?
Wir konnten das Kunsthaus 2009 eröffnen. Für die Bedürfnisse des Ausstellungs- und Kulturbetriebs wurde an zentraler Lage ein Neubau realisiert, der das denkmalgeschützte «Alte Amtshaus» architektonisch integriert und der weit ins Land hinausstrahlt – vor allem nun durch die Ausstellungen.

Sie haben bereits zahlreiche, hochwertige Ausstellungen organisiert und sind mit Herzblut dabei …
Ich mache diese Arbeit extrem gern. Gemeinsam mit meiner Partnerin, der Foto-Künstlerin Claudia Dettmar, leite ich das Kunsthaus. Ich mag auch sehr, dass es ein Mehrspartenhaus ist. Ich geniesse als Kurator grosse Freiheit, der Stiftungsrat, der durch den engagierten Roland Seiler präsidiert wird, vertraut mir. Das ist wunderbar. Dafür bin ich dankbar.

Nach welchen Kriterien stellen Sie aus?
Ich schätze die Arbeit vieler Künstlerinnen und Künstler – doch darauf kommt es nicht allein an. Ich möchte, dass es sich für die Besuchenden lohnt, ins Oberland zu fahren. Dass die Werke bewegen, gefallen, inspirieren. Sonst kommt niemand ein zweites Mal.

Apropos Oberland: Wie waren die Besucherzahlen in diesem Corona-­Sommer?
In Bezug auf die Sommerkonzerte der Tourismusorganisation Interlaken war es der Beste überhaupt. Auch die Sommerausstellung war gut besucht. Die Schweizerinnen und Schweizer entdeckten das Berner Oberland neu als Feriendestination – und besuchten Ausstellungen und Konzerte des Kunsthauses Interlaken. Die Gästebucheinträge drücken ihre Begeisterung aus.

Sie stellen nicht «nur» einheimische Kunstschaffende aus, sondern auch nationale und internationale. Kürzlich konnte man gar Zeichnungen von Picasso im Kunsthaus Interlaken betrachten und erfühlen.
Ja, diese Ausstellung hat sehr berührt. Und sie war ein grosser Erfolg, verhalf uns sozusagen zum Durchbruch. Wir organisierten sie gemeinsam mit «Caran d’Ache». Eine Delegation kam explizit aus Paris hierher und schaute sich unser Haus an. Erst waren die Besuchenden noch etwas skeptisch, als sie dann aber vernahmen, dass gar Nicolas Sarkozy am Swiss Economic Forum in Interlaken weilte und sie sahen, wie international und modern Interlaken durch den Tourismus ist, waren sie schnell überzeugt (lacht).

Eine solche Ausstellung zu organisieren ist schon eine Herausforderung, oder?
Ja, sehr. Normalerweise kostet so eine Ausstellung um die 70 000 Franken. Jene von Picasso kostete gar 200 000 Franken. Die Werke waren hoch versichert. Ich schwitzte Blut (lacht). Deshalb sind wir sehr froh, dass wir treue Sponsoren haben. Und uns wohlgesinnte Gemeinden, Regionalkonferenzen. Die Zusammenarbeit mit ihnen ist wunderbar.

Sie graben heute Werke fast vergessener Kunstschaffender aus?
Ja, dies ist eine meiner Leidenschaften. Grosse Künstlerinnen und Künstlern, die heute vergessen sind, eine Plattform zu geben, finde ich wichtig. Darunter sind regionale, aber auch überregionale Künstler. Es geht immer darum, den Spagat zu machen: Zwischen «alten» Kunstschaffenden und gegenwärtigen, jenen aus der Region und jenen aus der Schweiz, Europa und Übersee.

Sie haben ein immenses Kunstwissen. Im Jahr 2013 erhielten sie den Kulturvermittlungspreis des Kantons Bern, der mit 10 000 Franken dotiert war. Bescheiden sagten sie gegenüber der Presse, der Preis sei wichtiger für das Haus als für Sie selbst. Die «Jungfrau Zeitung» nannte Sie «enorm vielseitig, handwerklich geschickt als auch mit einem scharfen Verstand gesegnet, bescheiden, voller Tatendrang». Und wie mir scheint, trifft dies zu. Sie reden nicht gern über sich selbst?
Nicht immens. Nein, es geht hier ja ums Kunsthaus Interlaken und nicht um mich. Und den Preis habe ich auch dank der Hilfe von vielen anderen erhalten. Jemand muss einen ja vorschlagen …

Sie waren sogar mal Bühnenbildner?
Ja, ich war zweimal am Staatstheater Braunschweig engagiert. Ich bin jedes Wochenende nach dem Unterricht im Gymnasium Neufeld von Bern nach Braunschweig gefahren. Manchmal war ich um Mitternacht dort und blieb übers Wochenende zu den Theaterproben. Es war so, dass Schule geben und Theater machen zusammen nicht möglich war; ich wählte aus verschiedenen Gründen die Schule. Ich leitete viele Jahre mit verschiedenen Kolleginnen und Kollegen die Theatergruppe am Gymnasium. Ich war gern Lehrer. Aber ich wäre auch gern Architekt oder Bühnenbildner gewesen.

Für die aktuelle Ausstellung «Kunsthaus Interlaken Konkret», die noch bis zum 30. November zu besichtigen ist (wir berichteten), bauten Sie die Bar Aubette von Sophie Taeuber-Arp nach …
Ja, wir haben über eine Woche lang gemeinsam daran gemalt, gebaut, konstruiert. «Wir», das sind eine Handvoll Freunde des Kunsthauses. Darunter Architekten, Künstlerinnen und Künstler, Lehrpersonen. Wir nennen uns «das Kunsthausteam». Es ist schön, dass alles sehr unbürokratisch vonstatten geht. Die Teammitglieder tun dies für ein Essen oder so.

Und was hat es mit der nachgebauten Bar auf sich?
Die Bar Aubette von Sophie Taeuber-Arp war Teil des Vergnügungskomplexes. Sie ist nicht erhalten. Entwürfe der Künstlerin und historische Aufnahmen haben uns erlaubt, den kleinen Raum im Massstab 1:1 nachzubauen und farbig zu gestalten. Aus konstruktiven Überlegungen fehlen in unserer Rekonstruktion die farbige Decke und die Beleuchtung.

Und wovon handelt die Ausstellung?
Die Ausstellung «Kunsthaus Interlaken Konkret» verbindet Werke verschiedener «Zürcher Konkreter» mit ungegenständlichen Positionen von vier «gegenwärtigen» Künstlerinnen und Künstlern. Sie erhebt nicht den Anspruch, den Wirrwarr um die Begriffe zu klären: Neoplastizismus, Suprematismus, Konstruktivismus, Hard Edge, Abstraction-Création, Analytische Malerei, Minimalism, Modernism, Color Field, Op-Art, Geometrische Abstraktion sind Bezeichnungen für verschiedene Richtungen ungegenständlicher, geometrischer Kunst, die sich unterscheiden, aber auch berühren und überschneiden. Die Ausstellung möchte zeigen, dass Konkrete Kunst auch ohne jedes Vorwissen sinnlich erfassbar ist und in hohem Masse ein Erlebnis sein kann, wenn man ihr als Betrachtende ohne Vorurteile begegnet.

Ihre Ausstellungen weisen ein hohes Niveau aus. Dies ist Ihnen wichtig?
Die Qualität muss unbedingt stimmen. Und die gibt es in der ganzen Bandbreite des künstlerischen Schaffens. In jeder Epoche.

Im Kunsthaus finden viele Jazzkonzerte statt. Aber auch Meisterkurse und hochstehende klassische Konzerte, Lesungen, Theater, Kabaretts …
Kürzlich war der Violinist Zakhar Bron vor Ort. Das war schon eindrücklich. Auch die Open-Air-Sommerkonzerte stossen stets auf gute Resonanz. Sie waren selten so gut besucht wie in diesem Sommer. Kultur ist ein Bedürfnis. Trotz Corona.

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