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«Kunst ist bei mir stets mit einem Preisschild versehen»

Bernhard Bischoff ist seit fast sieben Jahren Auktionator bei der Galerie Kornfeld. Im Gespräch erzählt der Kunsthandels-Experte, warum er die Mona Lisa verkaufen, aber die Seerosen von Monet für sich behalten würde.

«Man muss schnell sprechen können», antwortet Bernhard Bischoff auf die Frage, was einen guten Auktionator ausmache. Und obwohl er Berner sei, denen man ja Langsamkeit nachsage, könne er das tatsächlich. «Rechnen ist auch wichtig», denn man müsse verschiedene Preise im Kopf haben: die im Katalog publizierte Schätzung, die mit den Besitzern ausgemachte Limite, verschiedene schriftliche Gebote oder die nächsten Bietschritte. «Das Ziel ist, die Limite zu knacken.»

Auktionen gebe es seit der Antike. «Ein Auktionator ist Verkäufer, Sachverständiger und Unterhalter in einem», so Bischoff. Der 46-jährige, in Thun wohnhafte Bischoff ist seit fast sieben Jahren bei der Galerie Kornfeld als Auktionator und Nachfolger Eberhard W. Kornfelds tätig.

Im Gespräch wird seine Begeisterung für das Metier spürbar. «Während der Auktion sitzt man wie in einer Blase drin.» Es spiele für ihn keine Rolle, ob er ein Bild für 500 Franken oder für acht Millionen verkaufe, das Prinzip sei immer das gleiche. Forcieren könne man einen Verkauf nicht.

Nicht abergläubisch

Er wisse aber im Voraus, ob Inte­resse bestehe, sprich schriftliche oder telefonische Angebote oder Anfragen für Zustandsberichte hereingekommen seien. Sei dies nicht der Fall, gehe man rasch weiter. «Alles andere verzögert die Auktion und kann sogar peinlich wirken.»

Es gebe Auktionatoren, die immer nur mit ihrem eigenen Hammer arbeiten wollten. «Ich bin zum Glück nicht abergläubisch und nutze seit Jahren verschiedene ‹historische› Werkzeuge unserer Firma», so Bischoff.

Es herrsche ein partnerschaftliches Verhältnis bei Kornfeld. Zum Team gehört auch Kornfelds langjährige rechte Hand Christine Stauffer. «Sie ist seit über 50 Jahren dabei und könnte vom Alter her meine Mutter sein», so Bischoff. Alle im Team seien starke Persönlichkeiten. Es habe viele Gespräche gegeben vor seinem Amtsantritt.

«Ich war gerade 40 geworden und machte mir die Entscheidung nicht einfach. Meine eigene Galerie am Waisenhausplatz lief sehr gut, trotzdem fragte ich mich, ob ich das bis zur Pensionierung so durchziehe.» Seine Frau, Anwältin und Leiterin der Parlamentsdienste der Stadt Bern, habe ihm rückblickend eine Art Midlife-Crisis diagnostiziert – mit gutem Ausgang.

Lebendige Legende

Für Bischoff war klar, dass es nicht einfach sein würde, in die grossen Fussstapfen des mittlerweile fast 97-jährigen Galeristen und Auktionator Eberhard W. Kornfeld zu treten. Kornfeld ist eine lebendige Legende und Ehrenbürger von Bern. Er war mit Künstlern wie Picasso, Chagall, Alberto Giacometti oder Sam Francis befreundet. «Durch keine Hände ist weltweit mehr Kunst gegangen als durch die von Herrn Kornfeld», sagt Bischoff über «den Chef», den er mittlerweile auf allen Auktionen vertritt.

Doch «Ebi», wie er von Freunden genannt wird, sei noch jeden Tag im Geschäft. Auch während unseres Gesprächs blickt der Galerist kurz zur Türe herein. Auf dem Tisch liegen die aktuellen Auktionskataloge. Das Verfassen der Texte zu den einzelnen Losen ist eine von Bischoffs zahlreichen Aufgaben. Die traditionsgemäss im Juni stattfindenden Auktionen hatten coronabedingt in den September verschoben werden müssen. Nun ist man in den Startlöchern.

Ölbilder von Chagall und Gaugin, eine Bronze von Giacometti oder ein kapitales Gemälde von Le Corbusier führen die insgesamt 1044 Lose an. Das günstigste Los hat einen Schätzpreis von 500 Franken, das teuerste einen von 2 Millionen. Ob viel «Material» im Umlauf sei, habe oft mit Zufällen zu tun. «Unsere Branche lebt häufig von den vier Ds – Death, Divorce, Disaster und Debts.» Todesfall, Scheidung, Unglück und Schulden – das können Gründe sein, warum jemand seine Kunst verkaufen wolle oder müsse.

Fluchtkunst oder Raubkunst?

Bei Kunst, die während des Zweiten Weltkriegs verkauft wurde, sei es manchmal nicht einfach zu wissen, unter welchen Umständen der Handel vonstatten ging, sprich ob es sich um einen ganz normalen Verkauf, um Fluchtkunst oder gar um Raubkunst handle. Es stimme aber nicht, dass Kunsthändler grundsätzlich gegen Provenienzforschung seien. «Je besser eine Provenienz dokumentiert ist, desto höher ist der Preis des Kunstwerks», so Bischoff.

Man dürfe aber nicht vergessen, dass früher viele Geschäfte per Handschlag abgewickelt worden seien und dass bar bezahlt wurde. Heute gälten strenge Regeln, was den Kauf und den Verkauf von Kunst anbelange. So müssten etwa sämtliche Transaktionen gesetzeskonform dokumentiert und während 30 Jahren aufbewahrt werden.

Mit dem spektakulären Fall Gurlitt wurde das Thema ‹Provenienz› in Bern zum brisanten Diskussionsstoff. Spekulationen in den Medien machten die Runde, kurz bevor Bischoff bei Kornfeld angefangen hatte. Warum vermachte Cornelius Gurlitt, der selbst eine kurze Geschäftsbeziehung mit Kornfeld unterhalten hatte, seinen Bilderschatz dem Kunstmuseum Bern, statt an seine Erben oder den deutschen Staat? Bischoff sagt, er habe Kornfeld natürlich danach gefragt und dieser habe stets geantwortet: «Ich weiss vieles, aber das nicht.»

Hüter eines Schatzes

Der Kontakt der Galerie zu Cornelius Gurlitt sei zu jener Zeit bereits seit Jahrzehnten unterbrochen gewesen. Bischoff denkt, dass Cornelius, der sich als Hüter seines Schatzes verstand, die Schweiz wählte, weil er sie als Kind besucht und damals als sicheres Paradies empfunden hatte. «Und möglicherweise auch, weil er den deutschen Behörden, die ihm aus seiner Sicht die Bilder wegnehmen wollten, diese nicht überlassen wollte.»

Über das Thema Kunstmarkt spricht Bischoff, der Präsident der Schweizer Auktionshäuser und Co-Präsident im Dachverband Kunstmarkt Schweiz ist, regelmässig an Hochschulen. «Welches Werk möchten Sie geschenkt kriegen?», werde er manchmal von Studierenden gefragt. Er frage dann immer, ob er das Werk verkaufen dürfe oder behalten müsse. Behalten würde er Monets Seerosen, verkaufen hingegen die Mona Lisa, so Bischoff. Mit der Milliarde, die ihm der Verkauf der Kunstikone Mona Lisa einbrächte, würde er sich dann sicher 20 Seerosenbilder und anderes kaufen können. «Das ist mein Dilemma, meine Déformation professionelle. Kunst ist bei mir stets mit einem Preisschild versehen.»

Bischoff selbst sammelt vor allem Gegenwartskunst. Vor wenigen Wochen sind er und seine Frau zum zweiten Mal Eltern eines Buben geworden. Der vierjährige, ältere Sohn verstehe, dass sein Vater Kunst verkaufe und habe bereits eine eigene kleine Kunstsammlung. Sein Götti ist der Berner Künstler Kotscha Reist, mit dem Bischoff als Galerist in seiner Galerie am Waisenhausplatz zusammen­arbeitet.

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