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© Sonja L. Bauer
Museum Franz Gertsch, Burgdorf

«Der Mensch ist ein Klumpen Zeit»

Arno Stein ist seit 24 Jahren Geschäftsführender Direktor des Museums Franz Gertsch in 
Burgdorf. 2019 eröffnete er, im Auftrag des Industriellen Willy Michel, die neuen Räume, deren architektonische Formen sich an Gertschs Kunst anschmiegen, die jeden gemalten Augenblick zu Ewigkeit brennt. Die aktuelle Ausstellung bringt Luciano Castelli, Gertschs schillernden, «realen Kunst-Figur» und ihren Freunden das verlorene Leben zurück.

Arno Stein scheint mit dem Museum Franz Gertsch verwebt und verwachsen zu sein: Seit 24 Jahren leitet der studierte Jurist mit dem grossen Kunstwissen das Museum und schafft somit der Kunst des heute 90 Jahre alten Künstlers die Plattform, die dessen gemalte Erinnerungen – und diese sind nichts anderes als der Samen seiner Schöpfungen – die Momentaufnahmen des Lebens, das Beobachten und (Er-) Fühlen eines Augenblicks, in Kunst giesst – und dadurch in Beständigkeit.

Kunst ist systemrelevant

Wer mit offenen Sinnen durch das Museum flaniert, dem wird gewahr, wie «systemrelevant» Kunst ist. Dass sie nicht «nur» für Kunstschaffende und deren Ausdruck elementar ist, sondern auch dafür, in den Erlebenden jene Lebendigkeit zu wecken, die Wasser nach einem Marsch durch die Wüste hat: Kunst kann Leben retten, im wahrsten Sinne des Wortes. Weil sie den Geist anregt, das Denken nährt, Verlangen weckt, mutig macht, inspiriert, sich dem Fühlen verschenkt und dem Widerstand verspricht.

Aufbruch und Höhepunkt

Die gegenwärtige Gertsch-Geburtstags-Ausstellung «Die Siebziger» zeigt das Leben und Leiden der damals jungen Menschen in der Villa Reckenbühl im Luzerner Seeland, darunter der androgyne Künstler Luciano Castelli. Zwanzig damals. Gern Mann. Gern Frau. Lustvoll. Erotisch. Lebendig. Voller Melancholie, Sehnsucht und Augenblick. Luciano nannte sich auch Lucille und goss in Kunst, was ihn berührte. Als er vom zwanzig Jahre älteren Gertsch gemalt wird, liebt und feiert er, während dieser Beobachtender bleibt. Arno Stein weiss zu jedem Moment, den Gertsch der Vergangenheit entriss, die Geschichte dahinter und zieht sie so weg vom Zahn der Zeit, dem Vergessen aus dem Rachen. Auch weiss er um die Tragik von «Irène», der stolz-trotzig blickenden, tief-zerbrechlichen jungen Zürcher Prostituierten; von deren Leben – und Tod. Oder jene Geschichte von Patti Smith, die Gertsch während eines Wutanfalls malte, den sein Fotografieren bei ihr auslöste …

Behüter und Bewahrer

Stein findet, gemeinsam mit Mu­seumskuratorin Anna Wesle und 
Gastkuratorin Angelika Affentranger-Kirchrath, die in der Welt verstreuten Werke, leiht sie aus, vereint sie für die Ausstellung. «In dieser Form werden sie wohl lange nicht mehr zusammenkommen», verrät er. Weil das Museum über acht Wochen geschlossen war, verlängert Stein die gegenwärtige Ausstellung bis im Oktober. Arno Stein machte Franz Gertsch in Frankreich und Deutschland bekannt: Vor sieben Jahren stellte er dessen Werke in Baden-Baden (Frieder Burda) und 2014 in Toulouse aus. «Seit wir in Frankreich waren, kommen die Franzosen auch nach Burgdorf.» Der 53-Jährige ist nicht nur kunstaffin, sondern versteht es auch, Beziehungen zu knüpfen. Seine zurückhaltende, doch sehr zugängliche, angenehme Art offenbaren nicht nur den stillen Geniesser, sondern auch den mondänen Kenner: Stein spricht viele Sprachen fliessend, kennt grosse Teile der Welt, liebt das Reisen, – «nicht nur Komfortreisen» – andere Kulturen, bewegt sich elegant in der Kunstszene, interessiert sich für Marketing und Technik. Vor und während er als Direktor fungierte, war er involviert in Projekte wie den Umbau des Restaurants Schützenhaus und der Hotels Stadthaus und Berchtold, Burgdorf oder der Uhrenfirma Armin Strom, Biel. «Ich mag es, neue Produkte auf den Markt zu bringen.» 
Dies sei sein schöpferischer Akt. «Ich kann mich schnell in neue Bereiche einarbeiten. Und ich glaube, ich kann überzeugen. Helfen, Visionen umzusetzen», schmunzelt er. Er interessiert sich für Architektur. Der seit einem Jahr eröffnete neue Teil des Museums in Burgdorf ist hell und klar: Wie die Werke Gertschs – und unterstreicht deren Aussage. Seine Jahreszeiten erhielten den für sie passenden Raum: Sie blicken einander ins Wesen und nehmen die Zuschauenden auf in die Möglichkeiten zwischen dem was ist, dem was war und was wiederkommt – und machen ihnen die Vergänglichkeit bewusst.

Die Reisen der Jugend

1987 bestieg Stein ein Frachtschiff von Gent nach Brasilien. Drei Monate dauerte die Reise. 1989 reiste er als junger Mann nach Pakistan, dies, obwohl sich das Land im Krieg befand. Nach China, nach Indien. Lernte Ecuador und Argentinien kennen. Sein Leben verlief nicht nur leicht. Als er acht Jahre jung war, verunfallte seine ältere Schwester und ist seither gelähmt. «Ich hatte trotzdem viel Glück im Leben», sagt Stein. «Vielleicht, weil ich nie Angst hatte, vor dem, was mir begegnete.» So verpasste er vor Jahren das Flugzeug in Pakistan. Später erfuhr er, dass es abstürzte.

Das Künstlerpaar Franz und Maria

Am 23. Oktober wechselt das Programm des Museums. Franz Gertsch wird seine neusten Werke zeigen: «Gräser». «Darunter wird auch der blaue Sommer sein», so Stein. «Gertschs Frau Maria ist seine grösste Kritikerin.» Was für Maria selbst, nicht immer einfach ist. «Deshalb spreche ich immer vom Künstlerpaar Franz und Maria», so Stein. Nach wie vor befinde sich der aktive 90-Jährige in Bewegung, entwickle sich. «Zu sehen, wie der Künstler in hohem Alter seine Schaffenskraft erhält, ist tief faszinierend.»

Im September plant Stein, mit einer 70-er-Jahre-Party die ausgefallene Vernissage nachzuholen. Wie startete das Museum nach der Coronapause? «Erst kamen 12 Menschen, dann 24, dann 48». Die Sicherheitsmassnahmen nehme er ernst. Von mir aus könnten die Hygieneregeln auch so beibehalten werden.»

Der Titel ist ein  Zitat von Kurator Jean-Christophe Ammann, aus dem Museumskatalogtext «Nach vorne erinnern».

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